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Carla Bley Quartet mit „Lost Chords“ in der Rüsselsheimer Jazz-Fabrik, 27. Oktober 2003
27.10.2003 14:53 von csjazz (Kommentare: 0)
„Lost Chords“ nennt die Pianistin und Komponistin Carla Bley ihre Tournee, „Lost Chords“ ist der Titel ihres suitenartig aufgebauten Stückes zum regulären Schluss des Konzertes in der Rüsselsheimer Jazzfabrik. „Lost Chords“ kennzeichnet aber auch das ökonomische Spiel der Künstlerin auf dem Flügel.
Es sind die Pausen, die gleichberechtigt neben den Akkordeinwürfen stehen. Pausen, die den Fluss des Spiels aber nicht unterbrechen, sondern Akzente setzen. Pausen, die die Eigenwilligkeit der Pianistin in den vertrackten und sperrigen Läufen charakterisieren. Thelonious Monk hat damit Schule gemacht. Aber nur der Bassist Charles Mingus hat auf seiner einzigen Piano-Solo-Platte aus dem Jahr 1963 mit dem treffenden Titel „Spontaneous Compositions and Improvisations“ diese Spielweise noch extremer umgesetzt.
Intim ist die Stimmung an diesem Abend in der nüchternen Atmosphäre der Backstage des Rüsselsheimer Theaters. Zart und einschmeichelnd Bläst Andy Sheppard das Tenorsaxophon, nur ein weniger nervöser und expressiver das Sopran. Er ist es, der die Ecken des Piano-Spiels ein bisschen glättet und abrundet. Im Hintergrund krümmt sich wie immer Steve Swallow, der mit dem Bass
in einen phänomenalem Timing den gesamten Abend für durchlaufende Beats sorgt und nur in zwei Stücken ästhetisch reizvolle sowie fragile Melodielinien am oberen Ende des Instrumentenhalses zupft. Dann gleicht er eher einem Gitarristen als einem erdigen Rhythmusgeber. Schlagzeuger Billy Drummond kann wie in diesem zweiten der drei Sätze von „Lost Chords“ hart und treibend die Trommeln schlagen, aber auch die Felle im ersten Satz mit den Besen zart streicheln. Er swingt einfühlsam und reagiert flexibel auf die komplexen Vorarbeiten der Pianistin und des Saxophonisten, unterstreicht die parodistischen Anspielungen Bleys etwa mit einem getrommelten Marschrhythmus – oder unterstützt die präzise rhythmische Arbeit des Bassisten.
Carla Bley liebt Irritationen. Schon die Titel verraten den hintergründigen Humor, der in ihren Kompositionen steckt. „Tropical Depression“ etwa, das an diesem Abend wohlklingend eher süchtig als depressiv macht, oder „Valse Sinistre“, ein schräger Walzer mit Blue-Notes und einem verqueren Drei-Viertel-Takt.
Wie beiläufig verbindet Carla Bley in ihren Stücke Einfachheit und Komplexität. Gewagte Harmoniesprünge bettet sie in scheinbar simple Songstrukturen. Ein Paradebeispiel ist im Rüsselsheimer Konzert das dreisätzige „Three Blind Mice“, das wie üblich mit ein paar sparsamen Akkordblöcken eingeleitet wird, bevor es in ein swingendes Kollektiv übergeht. Später wird das Sopransaxophon in einen schnellen und ungewohnt expressiven Bebop-Lauf verfallen mit viel Vibrato und Trillern. Das Stück endet schließlich mit einem melodiösen Altsaxophon-Solo und einem suchenden und tastenden Akkordspiel auf dem Flügel.
90 Minuten waren ungeheuer entspannend, zärtlich und ironisch zugleich, konzentriert und sparsam vor allem, wenn Carly Bley, die rechte Hand auf dem Knie ruhen lässt, mit der linken hin und wieder den Fluss des Saxophons mit einem Akkordgriff konterkariert. Unter der kammermusikalischen Decke groovt es erfeulich, swingt die Musik des Quartetts in reizvollem Kontrast zur schrägen Harmonik. Die Zuhörer im gut besuchten Saal hätten gerne mehr gehört.
Albert Mangelsdorff, der allgegenwärtige, inzwischen 75 Jahre alt gewordene Repräsentant des deutschen Jazz, wurde an diesem Abend für sein Lebenswerk geehrt. Reinhard Kager, Leiter der SWR-Jazzredaktion überreichte dem Frankfurter Posaunisten eine Kassette, in der auf 16 CDs alle bemerkenswerten Aufnahmen gebrannt sind, die der Sender in seinem Archiv auffinden konnte. Damit werde ihm die Zeit der Rekonvaleszenz nicht langweilig, kommentierte Albert Mangelsdorff das Geschenk.



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