Ansgar Striepens Quintet - Dreams and Realities

09.10.2013 16:37 von jazz (Kommentare: 0)

Laika-Records Bremen, LAIKA 3510164.2

Besetzung Ansgar Striepens (tb), Uli Beckerhoff (tp), Hubert Nuss (b), Ingmar Heller (b), John Hollenbeck (dr), John Abercrombie (g)

Neulich hörte ich nachts im Bett, schon fast im Halbschlaf, im Deutschlandfunk (ich glaube, es war die Sendung "Klanghorizonte") eine wunderbare Aufnahme eines sehr sanften, dahinschwebenden Jazz, einer Musik wie "zwischen Traum und Tag". Es waren Auszüge aus der genannten CD. Ich war derart beeindruckt, daß ich in der Nacht gegen zwei Uhr extra aufstand, um mir den Namen "Ansgar Striepens" auf einen Zettel zu notieren.

Der Posaunist, Komponist und Arrangeur Ansgar Striepens www.ansgarstriepens.com war jahrelang Lehrer an der Kölner JazzHaus Schule, danach Professor für Posaune an der Musikhochschule Weimar. Hinzu kamen Lehraufträge an den Musikhochschulen Köln und Essen. Bekannt wurde Striepens durch seine Arbeit mit verschiedenen Großformationen, der HR-Big Band, der NDR-Big Band und dem Ed Partyka Jazz Orchestra. Mit "Dreams and Realities" stellt Striepens die erste CD seines neu gegründeuten eigenen Quintetts mit dem Gastmusiker John Abercrombie vor.

"Dreams and Realities" ist ein traditionsgebundener, bop-orientierter, swingender, aber dennoch moderner Jazz, besonders hinsichtlich der Kompositionen. Trotz des dahintreibenden swing und dem zum Teil recht zupackenden Zusammenspiel der beiden Bläser haben die Stücke einen sehr pastelligen und leicht kühlen Charakter. Auch Klangästhetik scheint eine große Rolle zu spielen. Die Kompositionen sind ausgeprägt melodisch, bereits das Eingangsmotiv des ersten Stückes "Zoe" ist hierfür ein typisches Beispiel. Im Ausdruck sind die Stücke zum Teil sehr verträumt und etwas melancholisch (im positiven Sinn), und für mein Empfinden haben sie eine leicht romantisch-impressionistische Tendenz. Sehr schön harmoniert mit dieser Konzeption der Trompetenstil von Uli Beckerhoff, der dem des "coolen" Miles Davis der 50er und 60er Jahre sehr ähnelt, aber dennoch eine augeprägt eigene unverkennbare Handschrift trägt. John Abercrombie unterstreicht mit seinem schwebenden Gitarrensound die "Leichtigkeit" dieser Musik. Ein wenig erinnert mich "Dreams and Realities" an Kenny Wheelers "Deer Wan" aus den 70er Jahren. Möglicherweise ist das eine von den Musikern beabsichtigte Anknüpfung, denn ein Stück ("Waltz for Wheeler") ist Kenny Wheeler gewidmet. "Dreams and Realities" liegt vollkommen auf meiner Wellenlänge, für mich ist sie die beste Neuerscheinung des Jahres 2002. Auch die hervorragende Covergestaltung der CD sei hervorgehoben, sie wird der Musik hundertprozent gerecht und setzt den Charakter der Musik sehr gut ins Optische um. Allerdings gibt es einen kleinen Wermuthstropfen Das letzte Stück "Zoe (reprise)" ist eine ältere Aufnahme aus dem Jahre 1999 mit dem Ed Patyka Jazz Orchestra. Das darin enthaltene lange Solo des Altsaxophonisten Lee Konitz paßt wegen seiner Spröde meiner Meinung nach nicht so recht in die Gesamtkonzeption der CD. Man hätte dieses Stück ruhig weglassen können.

 

Otwin Skrotzki

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