Chick Corea - "Solo Piano Originals"
09.10.2013 16:10 von jazz (Kommentare: 0)

Strech Records SCD-9029-2
"Solo Piano Originals" ist die erste von zwei Solo-Piano-CDs, die Chick Corea auf einer 1999er Tournee live aufgenommen hat. Die erste CD enthält typische Chick-Corea-Kompositionen, die zweite Standards ("Solo Piano Standards").
Mit "Solo Piano Originals" präsentiert Corea seinen typischen Stil virtuos, klar und brilliant, "frech" mit einem Schuß kindlicher Naivität, spanisch angehaucht, von der Jazztradition ebenso geprägt wie von der Klassik. Komposition und Improvisation gehen nahtlos ineinander über und lassen sich nur schwer unterscheiden. Sehr bemerkenswert sind seine Interpretationen der beiden Scrijabin-Kompositionen "Prélude op.11 Nr.4" und "Prélude op.11 Nr.2". Die Originalkompositionen sind nur zwischen einer und zwei Minuten lang. Chick Corea dehnt sie improvisatorisch in einer Weise auf vier bis fünf Minuten aus, die dem Hörer den Eindruck vermittelt, alles sei durchkomponiert und notengetreu. Improvisationen über Klassik des 20.Jahrhunderts, die "wie komponiert" aber dennoch jazzmäßig wirken, scheinen eine besondere Stärke Coreas zu sein. Der Jazz ist aber in diesen klassischen Stücken dennoch unüberhörbar. Ein Klassikmusiker sagte mir einmal, Chick Corea höre sich an wie jemand, der "trotzig auf dem Klavier herumhaut". Der Klassikmusiker hat es in seinem Sinne erfaßt, es ist die unverkennbare Handschrift Coreas, die Individualität und persönliche Freiheit, die Klassikmusiker einem allgemeinen Klang- und Interpretationsideal opfern müssen. Coreas Scrijabin-Interpretationen sind absolut persönlich und in diesem Sinne jazzgemäß. Dem ähnlich sind Coreas Interpretationen seiner eigenen, ursprünglich durchkomponierten "Children s Songs", die er im Jahre 1983 für ECM erstmals in strenger Form notengetreu eingespielt hatte. Auf "Solo Piano Originals" interpretiert er sie sehr frei und improvisatorisch. In "Children s Song Nr.12" bearbeitet Corea in der Einleitung die Eingeweide seines Klavers, zupft und schlägt die Saiten und den gußeisernen Rahmen. Es klingt im ersten Moment wie "Neue Musik", swingt aber, was das Zeug hält.
Otwin Skrotzki


