Dieter Ilg - Otello
10.10.2013 10:39 von jazz (Kommentare: 0)

Full Fat 09
Marschrhythmen, fernes Stimmengewirr und Möwengeschrei stimmen auf das Werk ein. Seit seinem Kontrabass-Studium faszinierte die berühmte Kontrabass-Stelle im IV. Akt von Giuseppe Verdis Oper „Otello“ den deutschen Künstler, der schon einmal grenzüberschreitend deutsche Volkslieder für den Jazz umgeschrieben hatte. Dieses Mal wagte sich der Bassist an Verdis orchestrales Monumentalwerk und reduzierte es auf ein Jazz-Trio.
Das Wagnis ist gelungen. Den berühmten Feuerchor „Fuoco die gioia“ verwandeln Ilg, der Pianist Rainer Böhm und der Schlagzeuger Patrice Heral in einen mit Ostinati rhythmisch groovenden Satz. Gleiches gilt für „Inaffia l´ugola“, das Spannung durch Steigerung von Intensität und beschwörende Bass-Figuren baut, um in eine swingenden Trio-Passage sowie später in kraftvolle Tutti einzumünden.
Doch Verdis Musik ist für Ilg nur Ideengeber. Die Harmonien tauchen in jazzig abgewandelter Form auf, doch die Emotionen des tödlichen Dramas von gekränkter Eitelkeit, Eifersucht, Rache und hilfloser Liebe stecken auch in den Interpretationen des Trios. Das Trio springt dabei ständig in dynamischen Abstufungen. Böhm greift mal tastend mit Single-Notes, mal schichtet er Akkordblöcke, Heral streichelt mit den Besen die Felle oder treibt die Melodieführer drängend vor sich her. Ilg selbst zeigt bereit im Eröffnungssatz „M´ascolta“ in Duo mit Böhm raffinierte Harmonielinien und markante Akkordgriffe. Zwischendurch streicht er die Saiten geradezu klassisch. Zärtlichkeit spiegelt das Duo von Bass und Piano in „A questa Tua“ wider.
Dass der Bösewicht „Jago“ mit einem fesselnden Solo Ilgs, expresiven Clustern auf dem Piano, mit Herals heiseren Scatbeiträgen sowie gescratchten Sampels in einem treibenden Groove charakterisiert wird, ist ein weiterer Beleg für die einfühlsame Bearbeitung des Dramas. Ilgs „Otello“ hat die Messlatte für mögliche Nachfolge-Projekte hoch gelegt.


