Auftaktkonzert vom Musikfest Stuttgart im Beethovensaalz
25.08.2009 21:14 von jazz (Kommentare: 0)
Nationaler Nachwuchs interpretierte drei neue Werke

BuJazzo mit Dennis Russell Davies
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Stuttgart. Unter dem Oberbegriff „Third Stream“ ertönten im Beethovensaal drei „Oldies“ und drei Novitäten, die allesamt Jazz und Sinfonik verbanden. Unter der Stabführung von Dennis Russel Davies hatten sich das Bundesjugendjazzorchester (rund 90 Mitglieder) und sein swingendes Pendant, das derzeit 19-köpfige BuJazzO, vereinigt. Vier Tage zuvor gab es mit den Teenagern und Twens im Berliner Konzerthaus echte Uraufführungen, in der Stuttgarter Liederhalle handelte es sich demnach „nur“ um Erstaufführungen. Jedoch wurde das Konzert von sämtlichen Kulturwellen der ARD-Radiosender „live“ übertragen und zeitgleich gar von diversen Hörfunkprogrammen des Auslands - bis nach Australien - übernommen.
Im Mai 1974 ließ Dauner erstmals seinen „Urschrei" los - bei einer Studio-Produktion mit dem Rundfunkorchester Hannover. Er bezog sich auf das gleichnamige Buch des Psychologen Arthur Janov und gedachte, die darin geschilderten psychischen Zustände und Prozesse musikalisch nachzuzeichnen. Doch für seinen Kompositionsauftrag für das Berliner Jazzfest 1976 fand der Stuttgarter Komponist zu seinem ursprünglichen Instrumentalwerk Worte, die er meist vom Tonband einspielte.
Nun wollte er die Wut des Jazzers über die Plattenproduzenten artikulieren. Fielen damals die Gesamturteile der Kritiker kontrovers aus („Höhepunkt des Festivals", „ungewöhnlich aufgeblähtes Opus"), so eckte Dauner 1987 in der Sindelfinger Stadthalle mit seiner stark überarbeiteten Fassung nicht mehr an.
Beschränkte Freiheiten wurden zuweilen den Orchestermusikern gewährt, wenn sie beispielsweise die Tonhöhen nach eigenem Gusto bestimmen konnten, entsprechend der Aleatorik in der Neuen Musik. Alle sollten, nach Partiturangabe, „eindringlich flüstern" und so die historischen Zwänge entlarven: „Musik ist das Schönste. Wir spielen erst für den Klerus, dann für die Fürsten, dann für das Bürgertum, dann für die Arbeiterklasse, dann für den Rechnungshof". Dies alles gewitzt instrumental polystilistisch ergänzt.
Vor zwei Jahren erfolgte unter Wolfgang Gönnenwein als Dirigenten zusammen mit dem Interregionalen Sinfonieorchester (IRO) eine CD-Aufnahme einer weiteren Bearbeitung für „Beethoven-Besetzung“ (Dauner). tituliert als „Auftakt zum Urschrei“.
Jetzt also das „Second Prelude to the Primal Scream“ – in englischer Sprache auch, da die beiden Jugendensembles gleich nach dem Auftritt im Schwabenländle via Dubai nach Südafrika zu einer Tournee düsten, wo dann Bernd Ruf als Dirigent fungierte.
Diese Gesamtkunstwerk provoziert heuer gewiss nicht (mehr), und Dauner (73) versteht sein Handwerk: U(nterhaltung) und E(rnstes) sind keine Gegensätze. Das Allermeiste ist nun – oft im romantischen bis impressionistischen Gestus – gewissenhaft auskomponiert. Immerhin dürfen Saxofone improvisieren.
Der 1978 in Hamburg geborene und viel gelobte Saxofonist Niels Klein ist aktueller Chef des 1988 von Peter Herbolzheimer gegründeten Bundesjugendjazzorchesters, das in Stuttgart auf der Bühne rechts hinten positioniert war. Kleins Stück „Refractions“ wurde soeben von einer Publikumsjury in Berlin mit dem Europäischen Komponistenpreis ausgezeichnet. Das subtile und unaufgeregte Opus lässt die Sounds der Sinfoniker und der Big Band lieblich verschmelzen. Filigrane Cluster mutieren zum Hörgenuss, Fehlanzeige für althergebrachten Jazz.
Helmuth Rillings Internationale Bachakademie Stuttgart erteilte für ihr diesjähriges Musikfest, das das Motto „Licht“ trägt, dem Heidelberger Komponisten Moritz Eggert einen Kompositionsauftrag. „Illumination“ nennt der 45-Jährige sein Werk auf militanter Marschbasis. Beleuchtet werden da alle möglichen Genres, die Zitate sprießen, illustrative Versatzstücke von Georg Friedrich Händel bis Richard Strauss.
Den Anfang des konzertanten Reigens machte Dennis Russell Davies in seiner Eigenschaft als Solo-Pianist mit dem George-Gershwin-Klassiker „Rhapsody in Blue“. Davies, von 1980 bis 1987 Generalmusikdirektor bei den Württembergischen Staatstheatern und damals dort Gastgeber für die Jazzer Keith Jarrett und Ralph Towner, dirigierte hierbei das aus Mitgliedern des Bundesjugendorchesters und des Bundesjugendjazzorchesters zusammengesetzte Kleinensemble vom Flügel aus. Hier erklang das das völlig improvisationslose Stück weniger zickig als bei der Uraufführung 1924. Zwischenzeitlich bedeutet für Musiker der klassischen Zunft der Jazz mit lässigem Feeling in „swing“ und „drive“ keine „terra incognita“. So führten die Streicher bei der von Matyas Seiber und Johnny Dankworth 1959 gemeinschaftlich penibel gefertigten Komposition „Improvisations for Jazzband and Orchestra“ rhythmisierte pizzicato-Aktionen ganz „cool“ aus.
Dank der doch stilistischen Universalität der jungen Instrumentalisten gerieten auch die „Synthesis“ des englischen Filmmusikkomponisten Lawrence „Laurie“ Johnson (geb. 1927) relativ homogen.
„Gerade für uns vom BuJazzO“, meinte der aus Kirchheim unter Teck stammende Leadtrompeter Christian Mück (24), „war es anfangs sehr ungewohnt, nach klassischem Dirigat zu spielen. Nach den ersten Probentagen in Frankfurt/Oder fanden die beiden Orchester musikalisch immer besser zusammen, und auch sonst war die Stimmung bestens.“
Und Johannes Ludwig (21) aus Osterburken ergänzte euphorisch: „Ein Wahnsinnsprojekt, weil man normalerweise so etwas nicht immer bekommt – mit so vielen Musikern und so lange und interessant auf Tour zu sein. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, weil dies alles ungewohnt ist, sich in diesem Kontext zu bewegen. Es macht jedem Spaß!“
Jazz und Sinfonik bieten im 21. Jahrhundert keinen Anlass zur Konfrontation und Kontroverse. Dies demonstrierten diese beiden deutschen Spitzenensembles der jungen Generation.

BuJazzO, Dennis Russell Davies, Wolfgang Dauner

Dennis Russell Davies

Moritz Eggert

Christian Mück
Bernd Ruf
(August 2009)
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Text und Photographie von Hans Kumpf



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