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22.10.1999 18:38 von jazz (Kommentare: 0)


 

Mundharmonika - dies ist mehr als nur ein handliches Wild-West-Instrument made in Trossingen. Im Jazz haben Virtuosen wie Larry Adler und Jean "Toots" Thielemans in der Vergangenheit schon für so manche Überraschung gesorgt, aber in letzter Zeit ließ auf Festivals besonders Howard Levy mit seinem "Goschenhobel" aufhorchen. Mal herzhafter Blues, mal filigrane Exotik (mit dem Libanesen Rabih Abou-Khalil), mal Neutönerisches - der versierte Mann aus Chicago ist in vielen Genres zu Hause und kann sich überzeugend ausdrücken.


Der Amerikaner fühlt sich besonders der französischen Szene mit der "imaginären Folklore" verbunden, und so geht es auch dem in Ulm geborenen Multiinstrumentalisten Michael Riessler. Zusammen mit dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier gastierte nun ein trinationales Ensemble im Kulturzentrum Dieselstraße.

 

Michael Riessler zeigte als akribischer Komponist für das Gesamtkonzept verantwortlich. Die jeweils über eine halbe Stunde währenden und in sogenannter "Suitenform" angelegten Stücke wechselten zwischen festgelegten Parts, die bei der Interpretation beste Notenkunde und höchste Präzision erforderten, und "freieren" Passagen, in welchen freilich auch die Improvisationen in Gestus und Duktus vorgeplant waren. Sound-Séancen, "musique concrète", rasante Bebop-Phrasen, bardenhafter Blues und Ethno-Musikalisches gelangten zu einer reizvollen Homogenität: ein globales Stilkonglomerat, eine Art Synkretismus - kulturelle Vergangenheit, aktueller Zeitgeist und Futurismus scheinen stimmig vereint. Der Rezipient vermag Bizarres neben Behaglichem und Unheimliches neben Anheimelndem verspüren.
Eine Musik voller Spannungen und Bögen.

 

Mittlerweile hat sich Riessler in seiner Kompositionsweise ein ganz individuelles Idiom zugelegt, als Baßklarinettist sucht er in der vollendeten Technik weit und breit seinesgleichen. Tatsächlich endlose Klangströme dank Zirkulartechnik, außerdem viele "multiphonics", eine durch gezieltes Blasen und besonderen Druck aufs Rohrblatt erzeugte Mehrstimmigkeit. Nur kurz setzte Riessler in Esslingen noch das kleine Sopransaxophon ein.

 

Als Jean-Louis Matinier vor einigen Jahren in der Dieselstraße sein Knopfakkordeon zog und drückte, ließ er es mittels angehängter Elektronik wie ein Synthesizer klingen. Nun beließ er es beim natürlichen Ton. Aber mit seiner flinken Technik schuf er mit dem Bass- und Melodieregister komplexe Strukturen und gebrauchte die vermeintlich gute, alte Ziehharmonika gar als Perkussionsinstrument.



Auch bei Howard Levy dienen Lamellen als Klangerzeuger. Sensationell, wie er auf seinen diatonischen Mundharmonikas in Hochgeschwindigkeit letztendlich doch all die Zwischentöne - und nicht nur Halbtöne! - hervorzaubert.



Allenthalben unbändige Vitalität: Spiel mir das Lied vom Leben! Seine "mouth harp" wird zum voll gültigen Ausdrucksmittel - verzücktes Staunen anstatt Belächeln. Und wenn der hochgewachsen Brillenträger mit dem intellektuellen Touch wild drauflos "bluest", wirkt dies ebenso echt und unverkrampft, wie wenn er gewitzt zu Miniatur-Flöten und zur Maultrommel greift. Mit Händen und an den Wangen betreibt er schließlich noch Körper-Perkussion, was dann einen fließenden Übergang zum szenischen Theater bildet. Dies mit Kunst-Sinn und ohne Klamauk.

 

Euphorischer Applaus in der überfüllten Dieselstraße. Auf einen ebenso großen Publikumszuspruch hoffen die Macher bei den drei November-Terminen: am 7. mit der Christof Lauer Group, am 14. mit dem Nils Wogram Quartett und am 28.11. mit dem John Law Trio.

 

(Oktober 1999)

 

TheJazzPages

Text und Photographie von Hans Kumpf

 

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