SWR 2 Jazzprogramm Juni 2005

24.04.2005 13:15 von jazz (Kommentare: 0)

 

SWR 2 Jazzprogramm Juni 2005


Mittwoch, 1. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr 
Schwerpunkt im Juni: MYTHOS AUTHENTIZITÄT
Jazztime: Jazz zwischen Klischee und Wirklichkeit
Von Harry Lachner

Popmusik gilt im Wesentlichen als Verpackungskunst; klassische Musik umweht hingegen der Nimbus des Kreatürlichen und Artifiziellen schlechthin. Lediglich der Jazz (und mit einigen Abstrichen auch der Blues) erscheint gemeinhin noch als Garant für das Authentische, das Unverfälschte und Ungekünstelte. Er hat sich sein Image so sorgfältig wie vermutlich unbewusst aufgebaut. Pointiert könnte man sagen: Der Jazz verpackt sich mit sich selbst – das heißt: mit seiner Vergangenheit und den ideologisch wechselnden Vorstellungen, die man sich von ihm macht. Zur Durchleuchtung dieser historisch bedingten Ansichten sind die meisten Jazzsendungen im Juni einem Themenschwerpunkt zugeordnet. In dieser Einführungssendung zu „Mythos Authentizität: Improvisierte Musik zwischen Klischee und Wirklichkeit“ werden verschiedene Aspekte des Jazz-Selbstverständnisses beleuchtet und die Frage aufgeworfen, ob nicht die scheinbare Abwesenheit von Inszenierung gerade die gelungenste Maske im Wirklichkeitsspiel der Medien ist.


Freitag, 3. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Magazin
Von Reinhard Kager

Neues aus der Welt des Jazz, Informationen über bevorstehende Events, Rezensionen über wichtige Festivals, Buchbesprechungen, Personalia und jede Menge brandneuer CDs erwarten Sie im NOWJazz-Magazin in SWR2, das jeweils am ersten Freitag jeden Monats zwischen 23.00 Uhr und 24.00 Uhr zu hören ist. 


Sonntag, 5. Juni, 17.15 – 18.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
Schmerzliche Realität oder fader Abklatsch: Billie Holiday
Von Gudrun Endress

Billie Holidays Fassung der „Strange fruit“ – der seltsamen Frucht, des Körpers eines gelynchten Schwarzen – zählt zu den bewegendsten Zeugnissen des amerikanischen Rassenkampfes. Der Dichter Amiri Baraka, alias LeRoi Jones, schrieb dazu: „Manchmal hast du Angst davor, dieser Frau zuzuhören.“ Das trifft etwa auf ihre bewegende Fassung des „Gloomy Sunday“ zu. Die so authentisch singende, charismatische Vokalistin beteuerte immer wieder, dass alles, was sie singen würde, Teil ihres Lebens sei. „Lady Day“, die mehr an der Emotion eines Stücks interessiert war als an dessen Struktur, sang jedoch in jungen Jahren schon so manchen trivialen Song. Erst in späteren Jahren entwickelte sich ihr untrügliches Gefühl, die für sie idealen Lieder auszusuchen. Und die konnte sie auf ihre Weise nach Belieben verändern: Der Reichtum an Nuancen in der Tongebung, die vielfältigen Timbres, die beinahe instrumentale Stimmführung und das instinktsichere rhythmische Gespür von Billie Holiday sind einmalig.


Dienstag, 7. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
Ars acustica

Mittwoch, 8. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT 
Jazztime: „To Be Or Not To Bop“
Wie echt ist der Trompeter Wynton Marsalis
Von Günther Huesmann 

Der Vorwurf, der dem amerikanischen Trompeter, Bandleader und Komponisten Wynton Marsalis mit schöner Regelmäßigkeit gemacht wird, lautet: Er imitiere, er spiele „nicht sich selbst“. In seinem Versuch, die historischen Formen des Jazz aufzuwerten, verliere er sich in einem Dschungel von Verweisen und Zitaten, deren Virtuosität zwar selbst die schärfsten Kritiker nicht bezweifeln, deren Gehalt an Authentizität aber immer wieder in Frage gestellt wird. Was ist dran an diesen Vorwürfen? Ist Wynton Marsalis ein Individualist und Jazzoriginal? Oder ist er der „Museumswärter“ und „Klonkrieger“ der Jazznostagie? Wie wirklich ist denn die von Marsalis beschworene Wirklichkeit der Jazztradition – um ein Wort von dem Philosophen Paul Watzlawick zu variieren? Steckt hinter seiner Annahme einer unverbrüchlichen, linearen Geschichte des Jazz nicht vielmehr ein nachträglich von Musikhistorikern gezimmertes Konstrukt? Geht die Vorstellung der „authentic black music“ womöglich einem durchaus rassistisch gefärbten Klischee auf den Leim?


Freitag, 10. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: Session „The Violin In My Life“ 
Improvisationen von Malcolm Goldstein, Harald Kimmig und dem 
„Kammerflimmer Kollektief“ beim SWR NOWJazz Summit in Basel 
Am Mikrophon: Reinhard Kager

Für Klischeevorstellungen ist an diesem Abend kein Platz: Die Mär vom launigen „Fiddler on the roof“, die Geiger vom Dixieland bis zu Musicals begleitet, wird von den Protagonisten dieses SWR NOWJazz Summit gründlich zerstört. Wenngleich „The violin in my life“– in Variation eines Titels von dem amerikanischen Komponisten Morton Feldman – durchaus als geheimes Motto dieses Tripelkonzerts dienen könnte: Denn in allen drei Gruppen dieses NOWJazz Summit in der Basler Gare du Nord findet die in der heutigen Improvisationsszene eher selten verwendete Geige Einsatz. Allerdings in einer Form, die weit eher in die zeitgenössische komponierte Musik hineinreicht als in die heile Welt streicherseliger Songs. Grenzgänge dieser Art vollziehen sowohl der Freiburger Geiger Harald Kimmig, der ein exzellentes internationales Trio mit dem Tuba-Spieler Carl Ludwig Hübsch und dem Percussionisten Lê Quan Ninh zusammengestellt hat, als auch sein amerikanischer Kollege Malcolm Goldstein, der im Duo mit dem Percussionisten Matthias Kaul spielt. Goldstein, der auch ausnotierte Stücke komponiert hat, ist für seine filigranen „Violin-Soundings“ bekannt; das kraftvolle Spiel Kimmigs bildet dazu einen vollmundigen Kontrast. Grenzgänge der anderen Art vollzieht das „Kammerflimmer Kollektief“ aus Karlsruhe, das mit Heike Wendelin gleichfalls eine Geigerin integriert: Mit seinem geradezu erdabgewandt-entrückten, von rätselhaft-verträumter Melancholie getränkten Sound gelingt es dem ungewöhnlichen Sextett, kreative Brücken zu spannen zwischen Jazz, Rock, Country und Electronica.


Sonntag, 12. Juni
Jazz nach dem Hörspiel entfällt

Dienstag, 14. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: Die Wirklichkeit non-idiomatischer Improvisationen
Von Nina Polaschegg

Freie Improvisation, non-idiomatische Musik: Worte, die auf den ersten Blick ein Spiel wie aus dem Nichts heraus suggerieren. Improvisationen, die keinerlei Regeln, Spieltechniken, Normen, Genres und Gepflogenheiten unterworfen sind; ganz im Gegensatz zu historischen Improvisation in den verschiedensten Epochen, Kulturen und Genres – sei es im Barock, in der indischen Musik oder eben im Jazz. Non-idiomatische Musik nannte der britische Gitarrist Derek Bailey dieses voraussetzungslose Improvisieren. Immer wieder wird heftig darüber diskutiert, was denn nun unter sogenannter freier Improvisation zu verstehen sei. In einem Manifest wird gar ein Gattungsbegriff eingefordert. Non-idiomatische Musik – ein Mythos? In dieser Sendung wird der Frage nachgegangen, ob eine solche freie Improvisation überhaupt (noch) möglich ist, ohne auf in dieser Musik schon Bekanntes zu rekurrieren. Worin bestehen die Freiheitsgrade einer solchen Spielhaltung im Unterschied zu anderen Formen des Improvisierens? Die Forderung nach einem Gattungsbegriff mag ein wenig absurd klingen, ein anderer Begriff ist jedoch im Laufe der Jahrzehnte des „Improvisierens nach dem Jazz“ nicht von der Hand zu weisen: der (Personal)Stil.


Mittwoch, 15. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
Jazztime: Selbstausdruck, Idiomatik oder Klischee. 
Reflexionen über Personalstile von Pianisten wie Oscar Peterson, McCoy Tyner, 
Mal Waldron und Cecil Taylor
Von Bert Noglik

Jeder, der sich auch nur ein wenig für Jazz interessiert, wird Musiker wie die beiden Pianisten Oscar Peterson oder McCoy Tyner bereits nach wenigen Takten erkennen. Merkwürdigerweise lassen sich aber auch die Aufnahmen eines der „freiesten“ unter den Jazzpianisten, Cecil Taylor, sofort identifizieren. Offensichtlich gibt es, unabhängig von den Kriterien jazztraditionellen Spiels oder avantgardistischer Klangproduktion ganz bestimmte Merkmale, die notwendig sind, um einen unverkennbaren Personalstil zu konstituieren. Diese Sendung über so ungleiche Jazzpianisten geht der Frage nach, wo die Unterschiede zwischen einer für den eigenen Ausdruck unverzichtbaren Idiomatik und der Tendenz zur Selbstreproduktion und Klischeebildung verlaufen.


Donnerstag, 16. Juni, 19.05 – 20.15 Uhr
SWR Jazz Session: Aus dem Archiv
Ray Charles in Stuttgart
Von Gudrun Endress 

Bei den Grammy-Awards 2005 wurde Ray Charles gleich acht Mal bedacht: Der 2004 verstorbene Sänger, Pianist und Bandleader war posthum mit einer Verfilmung seiner Lebensgeschichte geehrt worden. Ray Charles hielt sich in mehreren Bereichen der Musik – im Gospel, Blues, Jazz, Rock, Pop, in Soul und Country – über Jahrzehnte hinweg an der Spitze. Der arm geborene und mit Blindheit geschlagene schwarze Künstler verkörperte den amerikanischen Traum: Er kam zu Ruhm und Reichtum. Jazzgerechter als die meisten Plattenaufnahmen waren seine Live-Auftritte. Unvergesslich ist Ray Charles' Konzert vom 28. September 1976 in Stuttgart. Da sang und spielte er seine Hits wie „Georgia“, „I can’t stop loving you“ oder „What did I say“, lieferte sich aber auch ein bewegendes Zwiegespräch mit seinem Flügelhornisten Johnny Coles in „Am I blue“.

Freitag, 17. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: Von der Fälschung zum Artefakt
Eine kleine Geschichte des Pop-Jazz
Von Harry Lachner 

Die Beziehungsgeschichte von Jazz und Popmusik ist eine der Verbrüderung und der Zwietracht. Mal wird die gegenseitige Nähe gesucht, mal scheinen Welten zwischen den beiden Genres zu liegen. Noch vor einigen Jahren begegneten wir in der DJ- und Club-Culture einer Renaissance des Soul-Jazz, wie er in den sechziger Jahren en vogue war. Aber jenseits von Pop-Jazz-Versuchen, mit denen Musiker wie etwa einst die britische Sängerin Sade (und heute auch Norah Jones) in die Hitparaden gelangten, geht es in neueren Fusionversuchen von Pop und Jazz weniger um die Tanzbarkeit und gar eine nostalgisch verbrämte Stilinszenierung. Mit den Mitteln des Samplings, mit Rückgriffen auf die HipHop- und Rap-Kultur oder auch auf Klangvorstellungen, die an Ambient und Drum'n'Bass geschult sind, versuchen etliche jüngere, experimentierfreudige Musiker wie der Rapper Mike Ladd den Spagat zwischen innovativem Klang, Improvisation und ungewöhnlichen Popstrukturen zu finden.


Sonntag, 19. Juni, ca. 17.25 – 18.00 Uhr (nach dem Hörspiel) 
E.S.T. – Esbjörn Svenssons homogenes Klaviertrio
Von Gudrun Endress 

„Meine Konzeption im Trio ist davon bestimmt, wie wir miteinander kommunizieren“, sagt der schwedische Pianist Esbjörn Svensson. Bei E.S.T. sind nicht die Einbeziehung und Verschmelzung von verschiedensten Musikarten prägend, sondern das Zusammenspiel, das Timing, die Interaktion. Das äußerst homogen spielende Klaviertrio bezieht sich hörbar auf die lange Jazztradition, hat aber ebenso Einflüsse aus der Klassik und der Popmusik verinnerlicht. Vor ein paar Wochen veröffentlichte ACT die neue CD von E.S.T. unter dem Titel „Viaticum“. Einst im alten Rom bezeichnete dieser Begriff die Wegzehrung, die man auf eine Reise mitnahm. Und so war die Musik von „Viaticum“ auch vorwiegend auf der Deutschlandtournee des Trios zu hören, die in der zweiten Aprilhälfte stattfand.


Dienstag, 21. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: Akademische Strenge versus lustvollen Anarchismus 
Die aktuelle Bostoner Szene 
Von Thomas Loewner 

Boston gilt gleichsam als das Mekka für die amerikanische und internationale Ausbildung im Jazz: An der Berklee School of Music oder am New England Conservatory of Music studiert zu haben, ist seit eh und je eine erstklassige Visitenkarte für den Aufstieg in die Oberklasse des Jazz. Die Bostoner Jazz-Szene dümpelt dagegen stets im Kielwasser von Metropolen wie New York oder Chicago, den Garanten für progressiven Jazz made in USA. Doch in den letzten Jahren hat sich auch in Boston eine Szene entwickelt, die im Spannungsfeld von „Alternative Rock“, improvisierter Musik und Jazz für neue Impulse sorgt. Bands wie das „Fully Celebrated Orchestra“ oder die „Bright Light Group“ sind zur Zeit auf dem besten Weg, dass ihr kreatives Potential auch außerhalb ihrer Heimatstadt erkannt wird. Solcherart ist Boston soeben im Begriff, das eigene Klischee von der langweiligen Collegestadt auf höchst originelle Weise musikalisch zu zerstören.

Mittwoch, 22. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
Jazztime: „Faces And Places“
Stories über musikalische Außenseiter 
Von Gerd Filtgen 

Seine Rückkehr in die Jazzszene wurde als Sensation gefeiert. Nach brillanten Sessions mit den Stars improvisierter Musik wie Gerry Mulligan, Sonny Rollins, Cecil Taylor und Albert Ayler verschwand der Bassist Henry Grimes Ende der 60-er Jahre von der Bildfläche. Ein Sozialarbeiter entdeckte den schon für tot gehaltenen, seit Jahrzehnten von staatlicher Unterstützung lebenden Künstler in Los Angeles. Grimes, der aus wirtschaftlicher Notlage sein Instrument verkauft hatte, äußerte nur einen Wunsch: wieder Bass spielen zu können. Auch die authentischen Stories der anderen Protagonisten dieser Sendung, wie der Saxophonisten Wardell Gray und Joe Harriott, des Trompeters Dupree Bolton und der Pianistin Bertha Hope, sind mit Sounds verbunden, die nach wie vor aktuelle Bezüge aufweisen. 


Freitag, 24. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: Wieviel Mensch steckt im Horn?
Von Günther Huesmann 

„Ich spiele, was ich fühle“, pflegte der Jazzpianist Erroll Garner in schlichter Einfachheit zu sagen, wenn er gefragt wurde, wie er auf seine mitreißenden spontanen Einfälle komme. Niemand zweifelt daran: Im Jazz geht es – via Improvisation – um die Personalisierung von Sounds. Das jubilierende Vibrato von Sidneys Bechets Klarinette, der hauchende, reich modulierte Ton von Ben Websters Tenorsaxophon, der kantig-trockene Klavieranschlag von Thelonious Monk – es ist ein eindrucksvolles Panorama individualisierter Klänge, das Musiker im Verlauf der Jazzgeschichte herausgebildet haben und das der improvisierten Musik eine besondere Aura von Authentizität zu verleihen scheint. Wie „persönlich“ aber ist das, was im Jazz erklingt? Bilden improvisierte Klänge wirklich den Menschen ab, der hinter der Musik steht? Was ist dran an der immer wieder geäußerten Ansicht, dass das, was ein Jazzmusiker improvisiere, ein musikalisches Abbild seiner momentanen innersten Gefühle, Gedanken und Glaubenssätze sei? Wurzelt der Glaube an dieser Widerspiegelungstheorie in einem romantisch getönten Vorurteil? 


Sonntag, 26. Juni, 17.00 – 18.00 Uhr (nach dem Hörspiel) 
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
„Jazz Is A Black Classical Music“. 
Erinnerungen an den Saxophonisten Rahsaan Roland Kirk
Von Werner Wunderlich 

Rahsaan Roland Kirk (1936 – 1977), der im Alter von zwei Jahren erblindet war, spielte über vierzig Instrumente, etliche davon gleichzeitig. Manch eifrigen Hütern des Jazz galt er anfangs als Scharlatan, als Musical-Clown. Solche Kritik verstummte jedoch schnell, und bald wurde Kirk als origineller Improvisator gefeiert, dessen Werk auch den strengsten Jazz-Maßstäben gerecht wird. Eine tiefe Verbundenheit mit der Geschichte dieser Musik – von New Orleans bis zum Free Jazz – bewies er unter anderem durch seine musikalischen Erinnerungen an Sidney Bechet, Don Byas und Fats Waller. Für das, was er etwa mit seiner „Vibration Society“ gespielt hatte, fand er die Bezeichnung „Black Classical Music“. 


Dienstag, 28. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
NOWJazz: „Endstation Festplatte“
Am Computer verarbeitete Improvisationen 
Von Harry Lachner 

Die Gestaltung eines in sich geschlossen erscheinenden Jazzalbums, das in Wahrheit aus zahlreichen Improvisationssessions zusammengestellt worden war, hatte der Produzent Teo Macero bereits in den späten sechziger Jahren bei Miles Davis' „In A Silent Way“ oder „Bitches Brew“ perfektioniert. Hier ging es noch um das „geschlossene Ganze“, um die kohärente Form, die ihren Entstehungsprozess verschleiert. Mittlerweile ist die Schnitttechnik, die Montage, ein etabliertes Mittel – gerade indem die Schnittstellen offengelegt werden. Selbst Musiker aus dem frei improvisierenden Jazz, wie etwa Evan Parker, sehen darin keine Verfälschung eines musikalischen Ideenflusses, sondern eine praktikable Zusammenarbeit mit Musikern, deren Instrument „Notebook“ heißt. In einer Reihe von Beispielen (unter anderem dem Projekt „Spring Heel Jack“) werden neue Tendenzen in der „Neuformatierung“ von Improvisationsprozessen beispielhaft vorgestellt.


Mittwoch, 29. Juni, 23.00 – 24.00 Uhr
MYTHOS AUTHENTIZITÄT
Jazztime: Der ganze Monk, eine Fiktion?
Alexander von Schlippenbach und „Die Enttäuschung“ 
Von Bert Noglik 

Der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach arbeitet sei einigen Jahren mit der jungen, gleichfalls aus Berlin stammenden Band „Die Enttäuschung“ zusammen. Allen ist folgendes gemeinsam: die große Wertschätzung von Thelonious Monk, wie auch die Überzeugung, dass sich Jazzgeschichte nicht wiederholt und das Erbe also beständig neu angeeignet werden muss. Als Hommage an Thelonious Monk, dessen Musik „Die Enttäuschung“ aus einer zeitgenössischen Sicht betrachtet, entstand ein Programm, basierend auf der Bearbeitung sämtlicher Kompositionen des Jazzklassikers für eine Live-Aufführung an einem Abend. Das Schweizer Label „Intakt“ hat diese ungewöhnliche und bemerkenswerte Annäherung an Monk unter dem Titel „Monk’s Casino“ auf drei CDs dokumentiert.


Donnerstag, 30. Juni, 19.05 – 20.15 Uhr
SWR Jazz Session 
Ein neues Quartett der Extraklasse mit den 
Saxophonisten Ellery Eskelin und Dave Liebman
Am Mikrophon: Reinhard Kager

Mit Ellery Eskelin und Dave Liebman haben sich zwei Saxophonisten der Superlative in einem neuen Quartett zusammengefunden. Liebman wurde in den siebziger Jahren vor allem als hochemotionaler Sopransaxophonist beim legendären Miles Davis bekannt, greift aber in jüngster Zeit immer häufiger auch zum Tenorsaxophon. Sein gleichfalls aus den USA stammender Kollege Ellery Eskelin, ursprünglich ein Schüler Liebmans, erlangte seinen hohen internationalen Ruf als nicht minder expressiver Tenorist im Trio mit der Akkordeonistin Andrea Parkins und dem Drummer Jim Black. Letzterer ist auch Mitglied des neuen Quartetts, das Liebman und Eskelin soeben gegründet haben, mit dem Bassisten Tony Marino als viertem Mann. Auf seiner ersten Europa-Tournee machte diese exzellente Formation am 29. April auch Station im Sudhaus in Tübingen.

 

 

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