Global Strings - Eröffnungsabend am 20.04.2012
22.04.2012 23:07 von jazz (Kommentare: 0)
Global Strings - Claus Boesser-Ferrari & Fred Frith
Grandioser Auftakt des Internationalen Gitarrenfestivals
Gute Konzerte wirken immer etwas zu kurz. Trotzdem geht man mit einem guten Gefühl in den Abend hinaus, wenn man zuvor Weltklasse-Musik in höchster Konzentration genießen durfte. So war's beim ersten Abend des Global Strings Festivals in der Alten Feuerwache Mannheim. Oben im Theatersaal des Schnawwl in eher kleiner feiner Atmosphäre.
Festivalkopf und Klangraumöffner
Unprätentiös entert Claus Boesser-Ferrari die Bühne in der Alten Feuerwache, schon fast unangemessen bescheiden nach einer lakonischen Begrüßung mit dem schnellen Griff zu dem um was es geht: seiner Gitarre. Und er nimmt ein echtes Arbeitsgerät in die Hand, eine elektrisch abgenommene Akustikgitarre, abgeschrubbt bis zum Geht-nicht-mehr, im KLANGLOCH eine Strebe, die aussieht als ob sie Minuten zuvor als Schnellreparatur zur letzten Stabilisierung eingebaut werden musste - aber wahrscheinlich dann doch irgendwelche geheimnisvollen Klangabnehmerfunktionen übernimmt. Mehr Abstand zu Show und Posing ist kaum möglich.
Die tausende Stunden des Gebrauchs dieses Instruments vermitteln sich schon nach den ersten Tönen. Es sind lange gezogene weich ineinanderfließende Klangflächen, die fast etwas an Bill Frisell erinnern, die aber recht bald von den typischen Boesser-Ferrarischen Trommelkaskaden auf der zur Holztrommel mutierten Gitarre unterbrochen werden. Boesser-Ferrari lotet die klanglichen Möglichkeiten seiner Instrumente schon immer mit Lust aus und mit gleicher spielerischer Freude Eigen- und Fremdkompositionen. Er spielt ein durchgängiges Set und immer wieder scheinen einige der Kompositionen auf, die man als regelmäßiger CB-F Hörer kennt: „Afro Blue“, Peter Greens „Oh Well“ und gelegentlich - eine kleine Referenz an seinen Gast des Abends - blitzt Fred Friths eingängiges Motiv „Lost And Found“ auf. Das ist große Klasse, wie sich Claus Boesser-Ferrari an die Themen heranschleicht, umspielt, sie schließlich packt - nur um sie nach kurzem Aufnehmen schon wieder zu verlassen um den Pfad zum nächsten zu bahnen. Eine großartige Suite voller sprühender Ideen.
Fred Friths Auftritt - eine gitarristische Andacht
Für Fred Frith ist die E-Gitarre bestenfalls gelegentlich ein Instrument im traditionellen Sinn. Er kann sie "normal" in die Hand nehmen und virtuos nutzen und zeigt das auch im Laufe des Konzerts kurz aber in seinem Set ist das Instrument auf den Knien liegender Resonanzkörper, Schlaginstrument, sanft quietschende Spuckereibefläche, Synthesizer, eine Art elektrisches Xylophon und die Stahlsaiten sind gelegentlich nicht mehr als profane Spanndrähte in denen Sticks vibrieren.
Frith zelebriert ein Klanghochamt, schafft schon zu Beginn mit einer simplen Bürste auf den Saiten einen „regnerischen Raum“ und führt die Hörer dann auf eine Reise durch zeitweise völlig abstrakte Klangwelten. Eine Reise, die die Zuhörer in ständiger Spannung hält, gierig auf jeden neuen Einfall lauernd. Friths Klangwelten sind gelegentlich ähnlich eruptiv wie bei Boesser-Ferrari mit heftig auf den Saiten geschrubbten Blechdosen aber ebenso getragen von kleinen choralhaften Ostinato-Thema und zarten Tempelglöckchen, die er irgendwo aus seinem Stahl-, Holz-, Effektgeräten heraus zaubert. Diese Spannweite vom Gitarren-Berserker zum Klangpoeten in einem einzigen vieleicht halbstündigen Set absolut schlüssig zu vereinen, das ist große Kunst. Musik als bewusstseinserweiternde Droge ohne Nebenwirkungen...
PS: Es ist wohl keine Absicht gewesen aber das Licht war - wie mittlerweile allzu oft üblich - grauenhaft. Ich wünschte mir einer der Lichtkünstler würde diese Zeilen lesen: es muss nicht sein, alle Bonbonfarbqualitäten der LED-Technik zu nutzen und nur zwischen Intensivst-Rot und Ultrablau hin- und her zuschalten. Das ist nicht nur - aber besonders - für Fotografen ein fieser Anschlag auf den Farbgeschmack.



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