Ron Carter mit dem Golden Striker Trio in Heppenheim
20.11.2011 20:56 von jazz (Kommentare: 1)

„Raffinierter“ Jazz in Vollendung - Ron Carters Golden Striker Trio in Heppenheim
Es gibt diese Theorie, dass man von jeder Person aus über 5,5 Stationen zu einer beliebigen anderen Person eine Verbindung herstellen kann - das „Kleine Welt Phänomen“. Für die Bassistin Judith Goldbach ist der Weg zu den Größen der Jazzwelt jetzt noch erheblich kürzer und direkter dazu, denn sie hat freundlicherweise ihren eigenen Bass für einen der berühmtesten Bassisten der Jazzgeschichte zur Verfügung gestellt. Und er klang gut, der Bass, auf der Bühne im „Halben Mond“ in Heppenheim, beim Forum Kultur, gezupft von Ron Carter der von Mulgrew Miller am Flügel und Kevin Eubanks an der halbakustischen Gitarre begleitet wurde - gemeinsam bilden sie das „Golden Striker Trio“.
Das Trio zelebriert klassischen Modern Jazz auf höchstem Niveau und wenn man die Grundcharakteristika dieses Trios an diesem Abend mit drei Adjektiven beschreiben müsste, dann wäre meine Wahl: „sanft“, „swingend“ und „perfekt“. Eine absolut geschlossene Gemeinschaft, wenn es nicht so sehr abgegriffen wäre, würde man von „traumwandlerischem Zusammenspiel“ sprechen - hoppla, da ist's passiert.
Ron Carter ist das Bass spielende Pendant zu Wynton Marsalis - ein Vertreter des „modern jazz“, der nicht modern, sondern als Genre-Bezeichnung schon seit Ende der 1940er Jahre definiert ist, als Jazzstil abgeschlossen. Swingender Jazz ist das, mit viel Raum für die Soli der einzelnen Musiker und in diesem Trio mit einem Zusammenspiel von fast schon unerbittlicher Präzision. In einem Trio, in dem zumindest auf dem Papier der Bassist im Mittelpunkt steht, müssen die anderen Instrumente auch akustisch ins Konzept passen. Der weiche Klang der halbakustischen Gitarre von Kevin Eubanks ist da unproblematisch und Miller am Flügel weiß die Tasten sanft zu streicheln - die Dynamik, die in einem Flügel stecken kann, wird von ihm nie ausgereizt, dafür hört man selten solch elegant gedämpft perlende Läufe. Ron Carter spielt virtuos mit der Selbstverständlichkeit und Souveränität einer halbhundertjährigen Karriere - als swingendes Fundament und als Akzente setzender Begleiter im Trio und mit prägnanten und transparenten Soli.
Das Ron Carter Trio präsentiert exemplarisch den Marsalischen Ansatz, „klassischen Jazz“ als Kunstform ebenso zu zelebrieren, wie es mit der klassischen Musik schon lange geschieht. Da gibt es kein mühevolles Anspielen gegen ein quatschendes Publikum und nicht die Hitze einer Jazzsession vor einem begeistert mitgehendem Publikum - undenkbar, dass im „Halben Mond“ ein Solo mit Pfiffen oder Begeisterungs-Jodlern gefeiert würde, „dirty tones“ und Ekstase müssen sich ihren Raum an anderem Ort zu anderer Zeit suchen.
Das äußere Erscheinungsbild mit feinem Zwirn und passenden Krawatten ist ebenso Teil der Vorstellung wie die Übertragung der Anzugsphilosophie auf die Musik. Jeder rhythmische Akzent sitzt, es verrutscht kein Ton, keine Flusen oder gar Flecken verunstalten das makellose Jazzgewand. Jazzkunst in Vollendung mit sanft swingenden Bögen, kunstvoll arrangierten Stücken und lässig-brillianten Soli. Mir schoss irgendwann der Begriff „Loriot-Jazz“ durch den Kopf - hier wie da: ausgefeilt, dezent und subtil - und niemals derb. Beides wirkt unter dem Blickwinkel des „Jetzt und Heute“ zwar einen Hauch antiquiert aber gleichzeitig zeitlos. Und so genoss das Publikum in Heppenheim mit Begeisterung eine brilliant dargebotene Darstellung einer Epoche des Jazz und an ihm lag es es gewiss nicht, dass sich das Trio trotz Standing Ovations mit nur einer kurzen Zugabe endgültig verabschiedete.
Nachtrag: Einen kleinen Dämpfer für das ambitionierte Jazz-Programm musste Christoph Hussong vom Forum Kultur Heppenheim verkünden. Das geplante Konzert mit Lee Konitz im Februar kommenden Jahres musste leider abgesagt werden - letztlich wegen der fragilen Gesundheit des 84-jährigen, die derzeit eine längerfristige Konzertplanung nicht zulässt.



Kommentar von Christoph | 20.11.2011
Dank an Frank!
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