SWR2 - Jazzprogramm Juli / August 2016
09.06.2016 16:48 von jazz (Kommentare: 0)

SWR 2 Jazzprogramm
Juli / August 2016
Freitag, 1. Juli, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Update: Sonic Wilderness
Von Thomas Loewner
Diese Reihe auf dem freitäglichen NOWJazz Update Sendeplatz führt in abenteuerliche Zwischenwelten des Jazz. Ob Improv, Electronica, Klangkunst, Noise, Drones oder Rock - für die atmosphärischen Mixes mit Neuerscheinungen gibt es nur eine Regel: Die Lust am musikalischen Abenteuer muss hörbar sein.
Samstag, 2. Juli, 9.05 – 10.00 Uhr
Musikstunde: Jazz Across The Border
Von Günther Huesmann
Der wohl auffallendste Trend im aktuellen Jazz ist seine fortschreitende Globalisierung. Entstanden um 1900 in den USA als hybride Musik, ist der Jazz durch die Idee groß geworden, dass es sich immer lohnt, wenn man sich auch mit etwas Anderem beschäftigt als nur mit sich selbst. Die in der Improvisation angelegte Idee des Dialogs erleichtert es Jazzmusikern, sich anderen Stilen und Musikkulturen zu öffnen. So ist Jazz zu einer "global language" geworden. "Jazz across the border" hört auf unterhaltsam-informative Weise hin: Wie verändern Musikerinnen und Musiker aus Südamerika, Afrika und Asien die improvisierte Musik von heute? Welche Antworten geben sie auf die Frage nach einer Musik, in der jeder improvisierende Spieler eingeladen ist, seinen eigenen Sound zu entwickeln, mit seinen ganz eigenen musikalischen Sichtweisen, Statements und kulturellen Färbungen?
Samstag, 2. Juli, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: The Lost Session From The Black Forest
Neu entdeckte Jazz-Juwelen des Pianisten Bill Evans
Von Bert Noglik
Was lange unentdeckt in einem deutschen Archiv schlummerte und nun von einem amerikanischen Label in einer Edition auf zwei CDs vorgelegt wurde, gleicht einer kleinen Sensation. Es wrden bislang unveröffentlichte Tondokumente mit dem Pianisten Bill Evans solo sowie in Duo- und Triokonstellationen mit dem Bassisten Eddie Gomez und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette gefunden. Die Aufnahmen entstanden im Juni 1968 in den MPS-Studios in Villingen, betreut von Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim-Ernst Berendt. Mit Ausnahme des Mitschnitts vom umjubelten Auftritt der Formation wenige Tage zuvor beim Montreux Jazz Festival handelt es sich um die einzigen Aufzeichnungen des Trios, das in dieser Besetzung nur für sechs Monate existierte und einen wichtigen Abschnitt in der stilistischen Entwicklung von Bill Evans markierte.
Sonntag, 3. Juli, 19.10 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
While We’re Young
Jazzmusiker interpretieren Stücke des amerikanischen Komponisten Alec Wilder
Von Odilo Clausnitzer
Von ihm stammen einige Perlen der amerikanischen Musik-Literatur, aber sein Name war niemals einem großen Publikum geläufig: Alec Wilder (1907 – 1980). Er war ein Komponist der kleinen Formen. Annähernd 200 „popular songs“ stammen von ihm, darunter „Moon and Sand“, „I’ll Be Around“ oder „While We’re Young“. Außerdem verfasste er zahlreiche Stücke für wechselnde Kammerbesetzungen.
Wilders besondere Affinität zum Jazz schlug sich nicht nur in seiner Klangsprache nieder, sondern auch in Werken, die er Musikern wie dem Trompeter Joe Wilder und dem Saxofonisten Stan Getz auf den Leib geschrieben hat. Zu seinen besonderen Förderern zählte Frank Sinatra. Mehrfach hat Keith Jarrett einzelne Wilder-Stücke aufgegriffen. Einige Jazzmusiker haben sogar ganze Alben ausschließlich mit Wilder-Kompositionen eingespielt, darunter der Pianist Roland Hanna, der Posaunist Bob Brookmeyer, der Saxofonist Dave Liebman und in jüngerer Zeit der Pianist Stefano Battaglia. SWR2 Jazz stellt Perlen daraus vor.
Dienstag, 5. Juli, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: My Favorite Discs
Von Gerd Filtgen
Persönliche Lieblingsalben aus der älteren oder jüngeren Jazzgeschichte werden in der Reihe „My Favorite Discs“ regelmäßig vorgestellt: von den Autorinnen und Autoren unserer SWR2-Jazzredaktion. Legendäre Klassiker oder weniger bekannte Favoriten – warum gerade ein bestimmtes Album sie so beeindruckt hat, erklären sie in dieser Sendung.
Donnerstag, 7. Juli, 22.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz : Die Magie der offenen Funk-Grooves
Herbie Hancocks Mwandishi-Band 1970 -73
Von Michael Rüsenberg
Die Karriere des Herbie Hancock gleicht einer an Gipfeln reichen Landschaft, die nicht nur kommerziell, sondern auch musikalisch bestechen. Schon aus seinem ersten Album schält sich ein Stück heraus, das über zweihundert Mal gecovert wurde: „Watermelon Man“ (1962).
Die zweifellos höchste Erhebung markiert 1973 der Jazz-Funk von „Headhunters“. Nur drei weitere Alben der Jazzgeschichte haben eine Auflage von 4 Millionen Exemplaren erreicht. Hancocks Jahre bei Miles Davis (1963-1968) hingegen beschreiben ein Hochgebirge größten künstlerischen Renommees. Weniger vertraut ist die Zeit zwischen Miles und Headhunters, die Jahre seines Sextetts, auch Mwandishi-Band genannt, nach dem ersten von drei Alben aus jener Zeit, „Mwandishi“ (1971), „Crossings“ (1972) und „Sextant“ (1973). In seiner Autobiografie schwärmt Hancock über den ersten Auftritt des Sextetts als „einen der erhabendsten Abende meines Lebens“. Das Sextett pflegte eine kontrastreiche Musik: klangfarblich mitunter impressionistisch, erstmals auch elektronisch, rhythmisch von einer großen Bandbreite, in der auch die später so „tight“, auf den Punkt gespielten Funk-Muster auftauchen - kraftvoll und doch „offener“.
Freitag, 8. Juli, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz : On the Edge (7)
Auf sich geworfen oder im Großen Ganzen
Solo und Großensembles in der improvisierten Musik
Von Nina Polaschegg
Komposition und Improvisation: zwei Gegenpole, so scheint es auf den ersten Blick. Seit Jahrhunderten schon stehen sich diese beiden Formen musikalischen Gestaltens nicht nur als Gegenpol von Fixiertem und Freiem, von Vorhersehbaren und Unvorhersehbaren gegenüber, sondern befruchten sich gegenseitig, zeigen fließende Übergänge. Von den vielfältigen Verflechtungen von Komposition und Improvisation wird in dieser Sendung die Rede sein. Komponieren für Improvisatoren, Improvisation als Inspirationsfaktor für Komponierende – das sind nur zwei Stichworte, die die Mannigfaltigkeit gegenseitiger Anregung andeuten.
Samstag, 9. Juli, 22.03 – 24.00 Uhr
Jazztime: Zwischen Blues, Tanz und Euphorie
Der Middle Eastern Jazz des israelischen Kontrabassisten
Omer Avital
Von Günther Huesmann
Jazz aus Israel boomt. Und einer, der in New York kräftig dabei mitmischt, ist der Kontrabassist und Bandleader Omer Avital. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf nahe von Tel Aviv. Seine Eltern kamen als jüdisch-arabische Immigranten nach Israel, die Mutter stammt aus Jemen, der Vater aus Marokko.
In Israel hatte Avital zunächst eine europäische, klassische Ausbildung gehabt, Erfahrungen die er nicht missen möchte. Aber erst im Jazz habe er den Raum gefunden, um Kontakt zu seinen marokkanischen und jemenitischen Wurzeln aufzunehmen. „Abutbul Music“ nennt er seine Musik. „Abutbul“ war sein ursprünglicher Familienname, was locker übersetzt so viel heißt wie „Vater der Trommeln“.
Tatsächlich feiert Omer Avital in seinen modernen Mischungen von arabischen, nordafrikanischen und hebräischen Musikstilen eine besondere rhythmische Energie. Man hat ihn deshalb den „Charles Mingus des Mittleren Ostens“ genannt. Mit kraftvoll von der Basis her dirigierenden Basslinien, die viel Wert legen auf die Verführungskunst von Melodien und den Sog der tänzerischen, tranceartigen Grooves aus Marokko, Jemen und Israel, leitet er seine Bands. „Jazz ist meine Heimat.“, sagt er. „Diese Musik ist ein kultureller Raum, in dem Platz für jeden Menschen ist. Und in der improvisierten Musik habe ich die Möglichkeiten, meinen eigenen kulturellen Wurzeln nachzuspüren.“
Dienstag, 12. Juli, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: Ewig jung Der Trompeter Enrico Rava mit seinem Quintett Tribe beim Festival Palatia Jazz 2012 Am Mikrofon: Thomas Loewner
Der italienische Trompeter Enrico Rava ist 76 Jahre alt und hat ein bewegtes Musikerleben hinter sich. In seiner mehr als vierzig Jahre langen Karriere hat er schon mit den wichtigsten Protagonisten des zeitgenössischen Jazz zusammen gespielt: Carla Bley, Don Cherry, Steve Lacy oder Cecil Taylor. Auch als Leader eigener Bands hat Rava immer wieder Projekte realisiert, die bleibende Spuren hinterlassen haben. Vor allem hat er immer wieder großen Talenten den Weg bereitet, wie etwa dem Pianisten Stefano Bollani. 2011 erschien Ravas Autobiografie und die Vermutung, er ziehe damit einen Schlussstrich, lag nahe. Doch weit gefehlt: Enrico Rava ist aktiv wie eh und je und überlässt es anderen in den Ruhestand zu gehen. Einen eindrucksvollen Beweis dafür lieferte er beim Palatia Jazz Festival. Am 30.Juni 2012: gab er dort mit seinem Quintett Tribe ein Konzert, das die Besucher begeisterte. Selbst ein kräftiges Gewitter konnte die Menschen nicht davon abhalten, bis zum Schluss zuzuhören.
Donnerstag, 14. Juli, 22.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Jenseits des Fjord-Jazz
Neues aus Norwegen
Von Karsten Mützelfeldt
Es gibt Norweger, die den Terminus "Fjord-Jazz" nicht mehr hören können und wollen. Für viele ist es nur noch das "F-Wort", unbeliebt und kaum repräsentativ für die Breite des improvisatorischen Schaffens. Mögen viele (insbesondere für deutsche Plattenfirmen produzierte) Alben weiterhin jenes exotische Klangbild vom Jazz Norwegens reproduzieren - melancholisch-ätherische, von Volksliedern und Hymnen geprägte Musik, die gleichzeitig Bilder von "Bergen und Fjorden" mittransportiert: Hier, wo die US-amerikanische Tradition weit weniger Spuren als etwa in Dänemark und Schweden hinterlassen hat, ist eine der kreativsten Szenen zuhause, nicht selten kompromisslos, grenzüberschreitend und mit einer Attitüde, die ein Musiker so auf den Punkt bringt: "Is this jazz? We don' t care!"
Freitag, 17. Juli, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: freejazzblog on air (9) The Bigger The Better
Großformate im Free Jazz
Julia Neupert im Gespräch mit Martin Schray
Seit der Swing-Ära mit ihren stilprägenden Big Bands waren große Formationen ein wichtiger Bestandteil des Jazz. Auch im Free Jazz haben die schiere Wucht und die vielfältigen Farben des Klangs Musiker schon immer fasziniert – von John Coltranes Meilenstein „Ascension“ und dem ersten Auftritt von Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra auf den Berliner Jazztagen 1966 über Peter Brötzmanns „Machine Gun" bis zu den neuen Aufnahmen von Mats Gustafssons Fire! Orchestra. Julia Neupert und ihr Gast Martin Schray vom freejazzblog stellen in der heutigen Sendung neue Alben von solchen Großformationen vor und diskutieren, warum es vor allem in der improvisierten Musik immer schwieriger geworden ist, diese Bands längerfristig am Leben zu erhalten und welche Folgen das für die Musik selbst hat.
Montag, 18. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
„Hipp-nosis“
Die Pianistin Jutta Hipp startet im Frankfurter Jazzkeller der 1950er Jahre ihre melancholische Weltkarriere
Von Daniella Baumeister
Lange schien die Pianistin Jutta Hipp, eine der wichtigsten Jazz-Frauen des europäischen Nachkriegsjazz, fast schon vergessen. Doch jüngst wurde ihr ein Denkmal gesetzt: die Saxofonistin Ilona Haberkamp, selbst der "Hippnosis" verfallen und eine der profundesten Kennerinnen der Materie, stellte eine Box mit 6 CDs und vielen biografischen Dokumenten zusammen, die die Erinnerung an die Pianistin wieder aufleben lässt. Im Jazzkeller der Main-Metropole startete die Leipzigerin Hipp in den 1950er Jahren richtig durch. Als eine Ikone des deutschen Cool-Jazz triumphierte sie mehrere Jahre hintereinander beim Deutschen Jazzfestivals Frankfurt, und nach einer Offerte des Jazz-Impresarios Leonard Feather wagte sie den großen Schritt in die USA, wo sie u.a. mit Horace Silver, Zoot Sims und Charles Mingus spielte - und in Vergessenheit geriet. Dem strahlenden Aufstieg folgte ein melancholischer Niedergang. Hipp verstarb 2003 in New York - verarmt, vereinsamt und vergessen.
Dienstag, 19. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Szene Berlin
Mit Musik der Pianistin Julia Kadel, Absolutely Sweet Mary u.a.
Von Ulf Drechsel
Die Berliner Jazz-Szene ist vielschichtig und facettenreich wie keine zweite in Deutschland. Fast im Monatstakt entstehen neue Bands, neue Labels, neue Locations, neue Musik. Die Musiker nutzen dabei den Reichtum und die Reibung einer multikulturellen Metropole. In ihren Kompositionen und Improvisationen bedienen sie sich in einem extrem reichhaltigen Materiallager, das zwischen den Traditionen von Jazz und europäischer Kunstmusik, zwischen den verschiedenen Spielformen des modernen Pop und unzähligen ethnischen Musikformen keine unüberwindlichen Grenzen gelten lässt. Ein halbstündiges Spotlight auf aktuellen Jazz aus Berlin, das unter anderem die Musik vom Julia Kadel Trio, von Reich durch Jazz sowie von Absolutely Sweet Marie fokussiert, ermöglicht zumindest einen ersten Blick auf den vielfältigen Inhalt des musikalischen Füllhorns Berlin.
Mittwoch, 20. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Die Dame mit der Maske
Die Gitarristin und Big-Band-Chefin Monika Roscher mit neuen Tönen
Von Ulrich Habersetzer
Sie ist anders. Monika Roscher passt nicht ins herkömmliche Bild einer Sängerin, Songwriterin und Big-Band-Chefin des Jazz. Sie ist bunt, schrill und zelebriert Klänge außerhalb der gewohnten Raster. Auf der Bühne steht sie gern in einem Kleid, dessen Muster an Tapeten der 1970er Jahre erinnert, hängt sich eine Rock-E-Gitarre um und inszeniert mit Lichtergewitter und Maskenshow ihre Songs wie kleine Dramen. Auf ihrer neuen CD "Of Monsters And Birds" singt sie von nächtlichen Spaziergängen im Park, vom Schauspiel des Vollmonds, lässt sich mit irrlichternden Bläserklängen in ein "karibisches Delirium" fallen und tanzt den "Terror Tango". Nicht zuletzt finden bei Monika Roscher auch aktueller Sound und Bildende Kunst zusammen. Die Künstlerin Sascha Banck hat alle neuen Stücke in Bilder übersetzt - psychedelisch farbenfroh leuchten sie im Booklet. So ensteht Jazz - and more.
Donnerstag, 21. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Booklet Trio
SWR-Aufnahme vom 18. März 2016 aus der Manufaktur Schorndorf
Von Nina Polaschegg
Im Band-Namen steckt das Konzept dieses Trios: Improvisiert wird hier über ein imaginäres „Büchlein“ von Songs und Melodien, die sich im kollektiven Gedächtnis der drei Musiker verankert haben. Klassiker von Duke Ellington, Herbie Nichols oder Misha Mengelberg sind dabei, eigene Stücke, aber auch musikalische Ohrwürmer, die eher nebenbei, beim Radiohören oder Filmgucken, hängen geblieben sind. "Daraus ergibt sich jedes Mal eine überraschende Reise durch Neues, Erinnertes und Vergessenes", beschreibt der Tenorsaxofonist Tobias Delius die Spielstrategie. Besonders live ist dieses Echtzeit-Patchwork ein Erlebnis - als "magisch" hat ein Kritiker ein Konzert von Booklet beschrieben. Ihre Auftritte sind leider rar - im März waren Tobias Delius, Joe Williamson und Steve Heather zum ersten Mal in der Manufaktur Schorndorf zu Gast.
Freitag, 22. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Preview: Neue Jazzproduktionen
Von Karsten Mützelfeldt
Ohne Tonträger ist die sprunghafte Entwicklung des Jazz kaum vorstellbar: Längst sind Schallplatte, CD oder Soundfile der Weg, auf dem Neuigkeiten aus dem Jazz vom Musiker zum Hörer finden. Tief in seinem Wurzelwerk ist der Jazz eine Musik des unmittelbaren Erlebens, seine stärksten Momente hat er im Konzert, wenn sich zwischen Musiker und Publikum eine Rückkopplungsschleife aufbaut, die alle Beteiligten über sich hinauswachsen lässt. Doch ohne die Möglichkeit der Tonaufzeichnung hätte der Jazz nicht seine weltweite Anziehungskraft entwickeln können. Auch 100 Jahre nach den ersten Jazz-Schallplattenaufnahmen sind noch immer Tonträger der Weg, auf dem die Wandlungen des Jazz den Weg zu seinem Publikum finden. In Preview stellen wir aktuelle Neu- und Wiederveröffentlichungen auf Schallplatte, CD, Soundfile vor: glanzvolle Konzertmitschnitte und aufwändige Studioproduktionen von Major- und Independent-Labels, Groß- und Klein-, Eigen- und Do-It-Yourself-Produktionen. All das also, was die lebendige Gegenwart des Jazz kennzeichnet.
Sonntag, 24. Juli, 19.36 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Geschichte eines Jazzstandards (4)
Summertime
Von Hans-Jürgen Schaal
„Summertime“ ist der bekannteste Song aus George Gershwins Südstaaten-Oper „Porgy And Bess“. In Tonfall und Form erinnert er bewusst an afroamerikanische Volkslieder – kein Wunder, dass er gleich nach der Opernpremiere 1935 ein Teil der amerikanischen Folklore wurde. Alle großen Jazzvokalisten haben „Summertime“ aufgenommen, Billie Holiday bereits 1936. Als Vokalstück fand der Song aber auch Eingang in andere musikalische Genres wie Pop, Rock, Gospel und Blues. Die erste wichtige, bluesig intensive Instrumentalaufnahme im Jazz schuf Sidney Bechet 1938. Danach machten viele Solisten – von Dixieland bis Free Jazz – bleibende und zum Teil aufwendige Einspielungen. Charlie Parker zum Beispiel nahm das Stück mit Streichern auf, Miles Davis mit dem Orchesterarrangement von Gil Evans. Von elementar bis raffiniert - das zeitlose Wiegenlied „Summertime“ erlaubt unendlich viele Interpretationen.
Montag, 25. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Das Kurt Edelhagen Orchester mit dem Charles Lloyd Quartet
Aufnahmen vom 26. Oktober 1966
Von Thomas Mau
Mehr als eine Million mal verkaufte sich "Forest Flower", der Mitschnitt eines Auftritts des Charles Lloyd Quartet auf dem Monterey Jazz Festival im September 1966. Dabei bietet das Album schwer verdauliche Kost: Lloyds Quartett mit dem Pianisten Keith Jarrett, dem Bassisten Cecil McBee und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette improvisiert mit großer Leidenschaft in weit geschwungenen Bögen und schafft damit Unglaubliches. Mit seiner konsequent sperrig gehaltenen Musik erreichte das Quartett ein junges Publikum, das die Band feierte wie eine Popgruppe. In gleicher Besetzung trat das Charles Lloyd Quartet wenige Wochen nach dem Monterey-Konzert, am 26. Oktober 1966, mit Kurt Edelhagen und seinem Orchester im Kölner
Gürzenich auf.
Dienstag, 26. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Books, Bottles And Bamboo
Die Hamburger Saxofonistin Anna-Lena Schnabel
Von Felix Tenbaum
Schon früh hat sie ihren eigenen Stil gefunden. So kraftvoll, mitreißend und ausdrucksstark wie Anna-Lena Schnabel spielen nicht viele. Schon gar nicht unter Jazz-Studenten. Anna-Lena Schnabel ist der derzeit am hellsten leuchtende Stern am Hamburger Jazzhimmel. Die gerade einmal 27 Jahre junge Saxofonistin mit dem wandlungsfähigen Ton und der mitreißenden Wucht hat sich längst freigeschwommen aus den abgesicherten Becken der Musikhochschule, wo sie noch im Master-Studiengang eingeschrieben ist. Nachdem sie sich im Bundesjugendjazzorchester und mit ihren Bands Curious Case und dem Anna-Lena Schnabel Quartett weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus einen guten Namen gemacht hat, erscheint demnächst ihr Debüt-Album. Schon die Besetzung ihres Quartetts mit dem Pianisten und Echo-Preisträger Florian Weber, dem britischen Bassisten Phil Donkin und dem Schlagzeuger Dan Weiss, der wie kaum ein anderer Musiker westlicher Herkunft eine Brücke zwischen Fernost und den Westen schlägt, katapultiert die junge Musikerin aus der niedersächsischen Provinz schnurstracks in die internationale Liga des aktuellen Jazz.
Mittwoch, 27. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Kamasi Washington
Sax-Energien zwischen gestern und morgen
Von Eva Garthe
Kamasi Washingtons Debütalbum "The Epic" hat letztes Jahr hohe Wellen in der Musik-Öffentlichkeit geschlagen und dem Jazz - gerade unter jüngeren Hörern - gesteigerte Aufmerksamkeit beschert. Stilistisch bezieht sich der 35jährige Saxofonist zwar auf die Traditionen von Spiritual-, Soul- und Fusion-Jazz der 1960er- und 1970er-Jahre. Er ist jedoch Teil eines höchst produktiven und angesagten Kollektivs junger Musiker in Los Angeles, die sich im Grenzbereich von Jazz, Electronica, Funk und HipHop verorten lassen. Ihre kreative Heimat haben viele wichtige Aktivisten auf dem Label Brainfeeder des Experimental-Hip-Hoppers Flying Lotus. Wir beleuchten Kamasi Washingtons Schaffen im Kontext dieses Szene-Geschehens.
Donnerstag, 28. Juli, 23.30 – 24.00 Uhr
Sendung entfällt
Freitag, 29. Juli, 23.30 -24.00 Uhr
Preview: Neue Jazzproduktionen
Von Ulf Drechsel
Nicht zufällig gaben der Schlagzeuger Christian Lillinger, der Gitarrist Ronny Graupe und der Saxofonist Philipp Gropper ihrem Trio vor über zehn Jahren den Namen HYPERACTIVE KID. Ihre Musik ist wie Quecksilber, in permanenter Bewegung, sprudelt voller Ideen, die sich oft in so kurzer Folge abwechseln, dass man sie mitunter kaum verfolgen kann. Die bisherigen Produktionen des Trios entstanden fast immer in einer Art Live-Situation. Das Live-Feeling wurde entweder direkt festgehalten oder ins Studio transformiert. Bei der Produktion, die zwischen August 2015 und April 2016 im rbb-Studio stattfand und die im Herbst dieses Jahres auf dem Label "Why Play Jazz" unter dem Titel "Riot" erscheinen wird, sind die „hyperaktiven Kinder“ einen anderen Weg gegangen, indem sie ganz bewusst die Studiomöglichkeiten - wie z. B. Multitrack-Recording - genutzt haben. Sie sagen selbst: "Riot" ist das erste richtig "produzierte" Album.
Sonntag, 31. Juli, 19.37 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Zwischen zwei Welten
Der amerikanische Pianist Danny Grissett
Von Ssirus W.Pakzad
Der kalifornische Pianist Danny Grissett durchlief eine klassische Klavierausbildung. Durch die Plattensammlungen seiner Mutter und seines Großvaters und auch durch das Fernsehen bekam er früh Zugang zum Jazz. In der Band seiner High School machte er dann erste praktische Erfahrungen mit swingender Musik. Nach seinem Studium zog er nach New York und avancierte dort schnell zum gefragten Sessionspieler. Viele seiner Arbeitgeber boten ihm ständige Jobs an, darunter die Trompeter Tom Harrell oder Jeremy Pelt. Wenn es ihm seine Sideman-Tätigkeit zeitlich erlaubt, nimmt Danny Grissett immer wieder eigene Alben auf. Seine letzte Einspielung unter eigenem Namen spielt im Titel "The In-Between" darauf an, dass der Musiker seit drei Jahren zwischen seiner neuen Wahl-Heimat Wien und New York und damit "zwischen zwei Welten" pendelt.
Montag, 1. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Ella Fitzgerald und Joe Pass
Aufnahmen von 1976 vom 113. NDR Jazzworkshop
Von Michael Laages
Zwei Virtuosen des Jazz am Gipfel ihrer Kunst: Ella Fitzgerald und Joe Pass steckten mitten in der Vorbereitung für das zweite gemeinsame Album in jenem Oktober vor 41 Jahren. Sie, Meisterin aller Klassen im Jazz-Gesang, und der Gitarrist, der sich in der ersten Veröffentlichung der beiden Weltstars als extrem feinsinniger Begleiter für Ellas unvergleichliche Stimme erwiesen hatte. Michael Naura, Jazz-Chef im NDR, hatte das Duo zum „Jazzworkshop“ in den sehr intimen Kleinen Sendesaa“ im NDR-Funkhaus in Hannover geladen. Nicht nur die Hörfunk-Mikrofone, auch die Fernseh-Kameras waren dabei - aber mit der Aufnahme (und der eigenen Stimme!) war Miss Fitzgerald gar nicht zufrieden. So lud sie das Publikum für ein zweites Konzert ein - das ein halbes Jahr später, im Mai 1976, in Hamburg stattfand und zu einem legendären Konzert wurde, einem Meilenstein für das meisterliche Duo.
Dienstag, 2. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Meister der sieben Saiten
Der in Regensburg lebende Gitarrist Helmut Nieberle
Von Roland Spiegel
Seit er in seiner Jugend der Musik Django Reinhardts begegnete, steht für den 1956 in Kaufbeuren geborenen Helmut Nieberle der Klang der swingenden Jazzgitarre im Zentrum des Interesses. Einige Jahre später wies ihm ein Konzert von Barney Kessel den weiteren Weg. Das Fernstudium an der Berklee School of Music komplettierte das Handwerkszeug, die siebensaitige Gitarre den Werkzeugkasten. Längst ist Nieberle einer der herausragenden Stilisten der klassischen Jazzgitarre in Deutschland. Doch daneben ist er aufgeschlossen geblieben für jede Erweiterung des musikalischen Horizonts. In dem Projekt Bolero Berlin, einem kammermusikalischen Sextett mit Musikern der Berliner Philharmoniker, nähert er sich den Klangfarben, Melodien und Rhythmen Lateinamerikas und überträgt vertraute Hits aus Pop und Klassik in seine Welt der anspruchsvollen Jazzimprovisation.
Mittwoch, 3. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Kaleidoskop der Stile
Die facettenreiche musikalische Welt der israelischen Klarinettistin Anat Cohen
Von Günther Huesmann
Sie wurde 1975 in Tel Aviv geboren. Sie kommt aus einer hochmusikalischen Familie - mit ihren Brüdern Avishai und Yuval spielt Anat Cohen in
The Three Cohens auch erfolgreich im Trio. Seit 1998 lebt die Musikerin in New York und drückt von dort aus dem zeitgenössischen Klarinetten-Jazz ihren Stempel auf. Swing, Samba, Choro: Mit ihrem betont pluralistischen Ansatz zwischen traditionellem und avantgardistischem Jazz, Weltmusik und zeitgenössischer Klassik begeistert Anat Cohen Publikum genauso wie Kritiker. Im Down Beat Magazin, der traditionsreichen und einflussreichen Jazzzeitschrift, belegt sie seit einigen Jahren in der Sparte „Klarinette“ führende Plätze, und mit dem Album „Luminosa“ gelang der etablierten Bandleaderin im vergangenen Jahr wieder eine international vielbeachtete Veröffentlichung.
Donnerstag, 4. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Paul Brody’s SADAWI
Aufnahme vom Mai 2016 vom X-JAZZ-Festival
Mit Ulf Drechsel
Zum dritten Mal fand in diesem Jahr dasBerliner X-JAZZ-Festival statt. Vom 5. bis 8. Mai konnte man in Kreuzberg über 70 Konzerte in Clubs, Bars und Kirchen erleben. Ein überdurchschnittlich junges Publikum begeisterte sich für ein stilistisches Spektrum von Free Jazz über Elektronik bis Pop. Bereits 2001 gründete der seit vielen Jahren in Berlin lebende amerikanische Trompeter Paul Brody seine Band Sadawi, die auf ihren bisherigen Alben die Schnittmenge von Klezmer und Jazz erkundet. Brody selbst bezeichnet seine aktuelle Musik als „cineastischen Indie-Jazz". Dabei interessierte sich Brody in den letzten Jahren immer weniger für den klassischen Klezmer und immer stärker für die jüdischen Elemente und Erzählstrukturen, die sich in Geschichten und Texten verbergen. Das Album „Hinter allen Worten“, auf dem Sadawi 2014 mit den Vokalisten Clueso, Meret Becker und Jelena Kuljic zusammenarbeitete, lieferte hierfür das Anschauungsmaterial. Im X-JAZZ-Konzert, das im Privat Klub vom rbb aufgezeichnet wurde, spielte Sadawi in der Besetzung Paul Brody (tp, comp), Christian Dawid (cl), Christian Kögel (g), Martin Lillich (b) und Michael Griener (dr) neben älteren Stücke auch neue Kompositionen, die im Herbst 2016 auf dem Album „Vanishing Night“ (Enja Records) veröffentlicht werden sollen.
Freitag, 5. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Preview: Neue Jazz-Produktionen
Von Claus Gnichwitz
Ohne Tonträger ist die sprunghafte Entwicklung des Jazz kaum vorstellbar: Längst sind Schallplatte, CD oder Soundfile der Weg, auf dem Neuigkeiten aus dem Jazz vom Musiker zum Hörer finden.
Tief in seinem Wurzelwerk ist der Jazz eine Musik des unmittelbaren Erlebens, seine stärksten Momente hat er im Konzert, wenn sich zwischen Musiker und Publikum eine Rückkopplungsschleife aufbaut, die alle Beteiligten über sich hinauswachsen lässt. Doch ohne die Möglichkeit der Tonaufzeichnung hätte der Jazz nicht seine weltweite Anziehungskraft entwickeln können. Auch 100 Jahre nach den ersten Jazz-Schallplattenaufnahmen sind noch immer Tonträger der Weg, auf dem die Wandlungen des Jazz den Weg zu seinem Publikum finden. In Preview im ARD Radiofestival 2016. Jazz stellen wir aktuelle Neu-und Wiederveröffentlichungen auf Schallplatte, CD, Soundfile vor: glanzvolle Konzertmitschnitte und aufwändige Studioproduktionen von Major- und
Independentlabels, Groß- und Klein-, Eigen- und Do-It-Yourself-Produktionen. All das also, was die lebendige Gegenwart des Jazz kennzeichnet.
Samstag, 6. August, 9.05 – 10.00 Uhr
SWR2 Musikstunde: Jazz across the border
Von Günther Huesmann
Der wohl auffallendste Trend im aktuellen Jazz ist seine fortschreitende Globalisierung. Entstanden um 1900 in den USA als hybride Musik, ist der Jazz durch die Idee groß geworden, dass es sich immer lohnt, wenn man sich auch mit etwas Anderem beschäftigt als nur mit sich selbst. Die in der Improvisation angelegte Idee des Dialogs erleichtert es Jazzmusikern, sich anderen Stilen und Musikkulturen zu öffnen. So ist Jazz zu einer "global language" geworden. "Jazz across the border" hört auf unterhaltsam-informative Weise hin: Wie verändern Musikerinnen und Musiker aus Südamerika, Afrika und Asien die improvisierte Musik von heute? Welche Antworten geben sie auf die Frage nach einer Musik, in der jeder improvisierende Spieler eingeladen ist, seinen eigenen Sound zu entwickeln, mit seinen ganz eigenen musikalischen Sichtweisen, Statements und kulturellen Färbungen?
Sonntag, 7. August, 19.37 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Strictly Confindental
Die Solo- und Trioaufnahmen des Pianisten Bud Powell
Von Bert Noglik
Allzu oft stand er im Schatten seines Instrumental-Kollegen Thelonious Monk, und das zu Unrecht. Bud Powell gelang es, auf dem Klavier eine individuelle Sprache auszuformen, die den Vergleich mit Innovatoren wie Charlie Parker herausfordert. Mit seinen oft nervösen, an Bläsern orientierten Linien der rechten Hand und seinen rhythmisch versetzten sowie harmonisch komplexen Einwürfen mit der Linken emanzipierte er das Piano in der Ära des Bebop als Soloinstrument. Bud Powell, über weite Strecken seines Lebens seelisch belastet und von Drogen abhängig, schuf einige seiner besten Aufnahmen in jungen Jahren, u. a. mit kongenialen Partnern wie Ray Brown und Max Roach. Powell starb 1966, tragisch früh, im Alter von 41 Jahren in New York.
Montag, 8. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Ellington & Basie in Germany
Aufnahmen vom 6. September 1963 aus dem Sportpalast, Berlin und vom 10. November 1969 aus der Oper, Köln (WDR-Archiv)
Mit Karsten Mützelfeldt
Als Count Basie 1963 auf einer US-Militärbasis in Deutschland in einem zünftigen Bierzelt Station macht, druckt die Presse ein Foto mit der
bemerkenswerten Unterzeile „Knackwurst-Blues“. Ein gänzlich anderes Ambiente bot das Gastspiel im Berliner Sportpalast, den fünf Jahre zuvor bei einem Auftritt Bill Haleys „Halbstarke zerlegt“ hatten. Gemeinsam mit dem Blues-Shouter Jimmy Rushing demonstrierte Basies Big Band, dass sie mehr als nur eine gut geölte swing machine war. Auch die Kölner Oper war nie ein regulärer Spielplatz für den Jazz und öffnete ihre Tore allenfalls der improvisierenden Prominenz. Sechs Jahre bevor Keith Jarrett mit seinem Köln Concert das Etablissement ins Bewusstsein einer globalen Jazzgemeinde rückte, gab sich Duke Ellington mit einem Konzert im Rahmen seiner 70th Birthday-Tournee die Ehre. Für Glanzlichter sorgten u.a. der Gast-Organist Wild Bill Davis und der Altsaxofonist Johnny Hodges, der hier einen seiner letzten Auftritte hatte.
Dienstag, 9. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Wir können alles. Auch Jazz.
Baden-Württembergs neues Selbstbewusstsein als Jazzland
Von Julia Neupert
Die Dichte von Jazzclubs ist hoch. Große Festivals wie Enjoy Jazz oder die Jazzopen haben ein treues und zahlungskräftiges Publikum. Das einstige Jazz-Ländle Baden-Württemberg hat weit mehr als nur aufgeholt. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Das Institut für Jazz und Pop an der Musikhochschule Stuttgart gehört zu den traditionsreichsten in Europa. Und doch: Die pulsierenden Zentren, die attraktiven Netzwerke schienen es im Ländle lange Zeit schwerer zu haben als anderswo. Mit etlichen Initiativen von Musiker*innen, dem Engagement des Jazzverbandes und nicht zuletzt den neuen Jazzförderungsstrategien des baden-württembergischen Kunstministeriums ist in den letzten Jahren Bewegung in die Szene gekommen. Einen kurzen Überblick bietet diese Sendung, unter anderem mit Musik von Volker Engelberth, Alexandra Lehmler, Herbert Joos, Harald Kimmig und Jan F. Kurth.
Mittwoch, 10. August, 23.30 – 24.00 Uhr
„Die schwärzeste Stimme Skandinaviens“ trifft „Mr. Red Horn“ Ida Sand und Nils Landgren
Aufnahme vom 9. Juni 2016 aus der Illinger Illipse
Mit Gabi Szarvas
Als „erdig-markant“ und „Gospel-durchdrungen“ wird die Stimme der schwedischen Sängerin Ida Sand von der Fachpresse beschrieben. Ihre
Plattenfirma schwärmt gar von der „schwärzesten Stimme Skandinaviens“. Aufgewachsen ist Ida Sand allerdings ganz klassisch mit Kirchenmusik und Oper; ihre ersten Instrumente waren Cello und Klavier. Doch schon damals begeisterte sie sich nicht nur für Mozart und Beethoven, sondern auch für die prägnanten Stimmen von Aretha Franklin, Stevie Wonder oder Donny Hathaway, und ihren Gesang begleitete sie selbst am Klavier. 2005 entdeckte sie der Posaunist Nils Landgren – seitdem pflegen sie in Konzerten und gemeinsamen CD-Projekten eine innige und intensive musikalische Partnerschaft. Als Artist in Residence der Illinger Jazzlounge gibt Landgren, der im Februar seinen 60. Geburtstag feierte, in diesem Jahr drei Konzerte mit bevorzugten Duopartnern aus seiner schwedischen Heimat. Die „schwärzeste Stimme Skandinaviens“ darf dabei nicht fehlen.
Donnerstag, 11. August, 23.30 – 24.00 Uhr
“Hammerhead“
Branford Marsalis interpretiert mit der hr-Bigband Klassiker von Tenor-Titanen
Mit Jürgen Schwab
Seit er Anfang der 1980er Jahre den Platz des Saxofonisten bei Art Blakeys Jazz Messengers einnahm, zählt Branford, der älteste der
Marsalisbrüder, selbst zu den Titanen seines Fachs. Mit der hr-Bigband interpretiert er nun Klassiker von seinen großen Vorläufern. Auch wenn sein Bruder Wynton und andere Gralshüter des reinen Jazz die jahrelange Zusammenarbeit von Branford Marsalis mit Sting, die Popmusikfans in aller Welt ihre erste Begegnung mit dem Klang eines Sopransaxofons bescherte, als Häresie verdammten, ließ Branford Marsalis sich nicht beirren Trotz aller Abstecher ins klassische und ins Pop-Milieu ist er dem Jazz als Herzstück seines künstlerischen Schaffens stets treu geblieben. Im April 2015 trat der dreifache Grammy-Gewinner zusammen mit der hr-Bigband in der Alten Oper Frankfurt und in der Philharmonie Dortmund auf. Chefdirigent Jim McNeely hatte für diese Konzerte Stücke arrangiert, die untrennbar mit den Namen berühmter Tenorsaxofonisten verbunden sind. Gene Ammons‘ „Hittin the Jug“ wurde dabei zu einer heiß umkämpften Tenor-Battle zwischen Branford Marsalis, Tony Lakatos und Steffen Weber.
Freitag, 12. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Preview: Neue Jazz-Produktionen
Von Beatrix Gillmann
Ohne Tonträger ist die sprunghafte Entwicklung des Jazz kaum vorstellbar: Längst sind Schallplatte, CD oder Soundfile der Weg, auf dem Neuigkeiten aus dem Jazz vom Musiker zum Hörer finden.
Tief in seinem Wurzelwerk ist der Jazz eine Musik des unmittelbaren Erlebens, seine stärksten Momente hat er im Konzert, wenn sich zwischen Musiker und Publikum eine Rückkopplungsschleife aufbaut, die alle Beteiligten über sich hinauswachsen lässt. Doch ohne die Möglichkeit der Tonaufzeichnung hätte der Jazz nicht seine weltweite Anziehungskraft entwickeln können. Auch 100 Jahre nach den ersten Jazz-Schallplattenaufnahmen sind noch immer Tonträger der Weg, auf dem die Wandlungen des Jazz den Weg zu seinem Publikum finden. In Preview im ARD Radiofestival 2016. Jazz stellen wir aktuelle Neu-und Wiederveröffentlichungen auf Schallplatte, CD, Soundfile vor: glanzvolle Konzertmitschnitte und aufwändige Studioproduktionen von Major- und
Independentlabels, Groß- und Klein-, Eigen- und Do-It-Yourself-Produktionen. All das also, was die lebendige Gegenwart des Jazz kennzeichnet.
Montag, 15. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Chick Corea solo
Aufnahme vom 29. Oktober 1972 aus dem Sendesaal, Radio Bremen
Mit Arne Schumacher
Die frühen 1970er Jahre waren intensive, kreativ bewegte Zeiten für den Pianisten Chick Corea. Nachdem er Miles Davis verlassen hatte, konzentrierte er sich zunächst auf das Avantgarde-Quartett Circle mit Saxofonist Anthony Braxton. Einer Europatour im Frühjahr 1971 folgten Solo-Aufnahmen in Oslo, die auch eine zutiefst romantische Seite offenbarten. Mit der ersten, brasilianisch getönten Ausgabe seiner Gruppe Return To
Forever ging Corea Anfang 1972 ins Studio, u.a. gefolgt von einer Zusammenarbeit mit Stan Getz. Wenige Tage nach dem Solo-Abend in
Bremen entstanden Aufnahmen mit dem Vibrafonisten Gary Burton, die unter dem Titel „Crystal Silence“ zu einem Klassiker kammermusikalischer Duo-Begegnungen wurden. Im Sendesaal von Radio Bremen schlug Corea einen Bogen von den Sounds des Albums „Piano Improvisations“ über die Wayne-Shorter-Komposition „Masqualero“ bis hin zum Return To Forever-Repertoire.
Dienstag, 16. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Szene Leipzig
Mit dem Evgeny Ring Quartet und der Spielvereinigung Süd
Mit Tobias Kluge
Der deutsch-russische Saxofonist Evgeny Ring zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der jungen Jazzszene in Leipzig. Verwurzelt in der
Jazztradition verbindet er elegische Melodik mit komplexen rhythmischen Strukturen. Evgeny Ring wurde 1987 in Rostow am Don in Russland geboren. Im Alter von 7 Jahren begann er seine musikalische Ausbildung am Saxofon, und schon bald führten ihn erste Touren in die europäischen Nachbarländer und auch nach Deutschland. Im Oktober 2007 entschied sich Ring, zum Studium nach Leipzig zu ziehen. Genau zu dieser Zeit müssen einige Leipziger Jazzstudenten auf Tour in Mexiko bei einem Fußballspiel eine sehr deutliche Niederlage einstecken und besinnen sich auf das, was sie besser können. Um eine Plattform für ihre vielfältigen eigenen Ideen von orchestralem Jazz zu schaffen, gründen sie eine Big Band : die Spielvereinigung Süd. Evgeny Ring gehört bald zum festen Stamm dieser Band, die noch heute mit Aufsehen erregenden Projekten begeistert und die mit hochkarätigen Gastdirigenten und –solisten zu den Aushängeschildern der Leipziger Szene zählt
Mittwoch, 17. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Musique D’Afrique
WDR Big Band; Mokhtar Samba, perc
Aufnahme vom 29. August 2015 aus der Kölner Philharmonie
Mit Jörg Heyd
Die Weichen für Mokhtar Sambas Laufbahn als Schlagzeuger wurden schon sehr früh gestellt. Denn Melodien und Rhythmen waren in Sambas Kindheit – er wuchs in Marokko auf - allgegenwärtig: „Für uns ist die Präsenz von Musik ganz natürlich, wie vielleicht hier in Köln das Kölsch. Das mit den Rhythmen beginnt bei uns schon im Bauch der Mutter. Ich habe früh mit afrikanischer Percussion angefangen.“ Mit zwölf Jahren siedelt Samba vom afrikanischen auf den europäischen Kontinent über, Paris wird zu seiner neuen Heimat. Samba saugt die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse auf, seine Musik ist damit auch stets so etwas wie eine in Töne gefasste Autobiografie. Die „mélange“ ist bei Samba ein zentraler Begriff, er mischt und kombiniert die Sprache des Jazz mit nordafrikanischen Elementen. Beim vom Arrangeur Michael Mossman speziell für die WDR Big Band orchestrierten Projekt „Musique D’Afrique“ stehen Sambas in vielen Farben schillernde Kompositionen im Mittelpunkt. Für die dynamische Umsetzung sorgen neben Mokhtar Samba eine ganze Reihe an afrikanischen und französischen Gästen.
Donnerstag, 18. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Hamilton de Holanda Trio
Mitschnitt aus Rolf-Liebermann-Studio vom 28./29. April 2016
Mit Claudia Schober
"Mein Stil ist alles zwischen Choro und Jazz", sagt der Brasilianer Hamilton de Holanda, der gerade mit dem ECHO Jazz 2016 als Instrumentalist des Jahres ausgezeichnet wurde. In Europa wurde er durch gemeinsame Projekte mit Stefano Bollani, Edmar Castaneda, Omar Sosa oder Richard Galliano bekannt. Das Bandolim, die brasilianische Variante der Mandoline ist eines der tragenden Instrumente des Choro (von brasilanisch „chorar“: „weinen“, „klagen“), dieser ersten brasilianischen Populär- Musik, die sich im späten 19. Jahrhundert aus der Begegnung europäischer, afrikanischer und indigener Traditionen im Großraum von Rio de Janeiro entwickelte. Mit seinen in rasend schnellem Tempo gespielten Sechzehntelläufen erfordert das Bandolimspiel im Choro anstrengungslosen Groove, enorme Virtuosität und die Geistesgegenwart, blitzschnell auf jede neue Wendung der musikalischen Situation zu reagieren. Um all diesen Anforderungen besser gerecht zu werden, hat sich Hamilton de Holanda ein verändertes, zehnsaitiges Bandolim konstruieren lassen, auf dem er einen persönlichen Stil entwickelte, für den er in seiner Heimat schon seit Jahrzehnten als der "Jimi Hendrix der Mandoline" gefeiert wird.
Freitag, 19. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Preview: Neue Jazz-Produktionen
Von Harry Lachner
Ohne Tonträger ist die sprunghafte Entwicklung des Jazz kaum vorstellbar: Längst sind Schallplatte, CD oder Soundfile der Weg, auf dem Neuigkeiten aus dem Jazz vom Musiker zum Hörer finden.
Tief in seinem Wurzelwerk ist der Jazz eine Musik des unmittelbaren Erlebens, seine stärksten Momente hat er im Konzert, wenn sich zwischen
Musiker und Publikum eine Rückkopplungsschleife aufbaut, die alle Beteiligten über sich hinauswachsen lässt. Doch ohne die Möglichkeit der
Tonaufzeichnung hätte der Jazz nicht seine weltweite Anziehungskraft entwickeln können. Auch 100 Jahre nach den ersten Jazz-Schallplattenaufnahmen sind noch immer Tonträger der Weg, auf dem die Wandlungen des Jazz den Weg zu seinem Publikum finden. In Preview im ARD Radiofestival 2016. Jazz stellen wir aktuelle Neu-und Wiederveröffentlichungen auf Schallplatte, CD, Soundfile vor: glanzvolle
Konzertmitschnitte und aufwändige Studioproduktionen von Major- und Independentlabels, Groß- und Klein-, Eigen- und Do-It-Yourself-
Produktionen. All das also, was die lebendige Gegenwart des Jazz kennzeichnet.
Sonntag, 21. August, 19.22 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Tony's Blues
Der Trompeter Tony Fruscella
Von Odilo Clausnitzer
Der amerikanische Trompeter Tony Fruscella gehört zu den obskuren Figuren des klassischen Jazz der 1950er Jahre. Als hoffnungsvoller Bebopper jammte er mit Charlie Parker, arbeitete mit Lester Young und Stan Getz. Aber Alkohol- und Drogensucht bescherten ihm immer wieder Zwangspausen und beendeten seine Karriere frühzeitig.
Sein mit viel rauschender Luft versetzter Ton wirkt wie die frühe Vorwegnahme einer heute populären „skandinavischen“ Klangästhetik. Er machte nur eine einzige Platte unter eigenem Namen, das schlicht „Tony Fruscella“ betitelte Album von 1955. Inzwischen sind außerdem noch einige wenige Live-Mitschnitte erschienen. SWR2 Jazz erinnert an einen unterschätzen Musiker.
Montag, 22. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Albert Mangelsdorff Quintett
Aufnahme vom 6. November 1966 von den Berliner Jazztagen
Günter Kronberg – as, bs, Heinz Sauer – ts, Albert Mangelsdorff – tb, Günter Lenz – b, Ralf Hübner –dr
Mit Ulf Drechsel
Der Posaunist Albert Mangelsdorff (1928-2005) darf ohne Übertreibung als „Lichtgestalt“ der deutschen Jazzszene bezeichnet werden. Zunächst der Tristano-Schule verpflichtet, fand Mangelsdorff schon Ende der 1950er Jahre eine eigene musikalische Sprache“, mit der er sich ganz bewusst von den ursprünglichen amerikanischen Vorbildern löste. Das 1961 gegründete Albert Mangelsdorff Quintett, das bis 1969 in der Besetzung mit Günter Kronberg (as, bs), Heinz Sauer (ts, ss), Günter Lenz (b) und Ralf Hübner (dr) existierte, gab der deutschen und europäischen Jazzszene ganz wesentliche Impulse. Auch in der DDR, wo zur gleichen Zeit beispielsweise Joachim Kühn zu neuen musikalischen Ufern strebte. Das Albert Mangelsdorff Quintett war 1964 das erste Ensemble aus der Bundesrepublik, das für eine mehrtägige Tournee durch die DDR eingeladen wurde. Nachdem Mangelsdorff im selben Jahr als Gast des Orchesters von Max Greger und 1965 des Klaus Doldinger Quartetts bei den 1. und 2. Berliner Jazztagen aufgetreten war, präsentierte er 1966 im Humboldtsaal der Urania mit seinem Quintett erstmals eine eigene Band.
Dienstag, 23. August, 23.30 – 24.00 Uhr
25 Jahre Jazz live with friends – Geburtstagskonzert
Christoph Mudrich Trio
Johannes Müller u.v.m.
Aufnahme vom 29. April 2016 aus dem Studio Eins
Mit Gabi Szarvas
Am 8. April 1991, also vor fast genau 25 Jahren, ging sie an den Start: die Reihe „Jazz live with friends“ des Saarländischen Rundfunks. Ins Leben
gerufen hatten sie der damalige Jazzredakteur Hans Henning Rabe und der Toningenieur Winfried Götzinger. Von Beginn an ging es in bis zu elf Konzerten pro Saison darum, dem Jazznachwuchs im Land und in der Großregion ein Podium zu bieten und internationale Künstler von Format zu präsentieren. So gaben sich Jazzlegenden wie Albert Mangelsdorff, Aziza Mustafa Zadeh, David Friedman, Peter Herbolzheimer, Maria Joao oder Jacky Terrasson in Saarbrücken die Ehre. Später standen Begegnungen von Musikern im Fokus der Reihe: ob Nils Landgren und Nicole Johänntgen, das HNK Trio und Jessica Pilnäs oder Roy Hargrove und die Deutsche Radio Philharmonie. 181 Konzerte sind unter der Marke „Jazz live with friends“ seit 1991 veranstaltet worden – am 29. April 2016 feierten Musiker der ersten Stunde mit Überraschungsgästen aus 25 Jahren im Funkhaus Halberg den Geburtstag der Reihe.
Mittwoch, 24. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Zwischen den Welten
Der afro-kubanische Pianist Omar Sosa
Von Sarah Seidel
»Ich bin ein schwarzer Mann, der auf Kuba geboren ist. Ich habe afrikanische und europäische Wurzeln und manchmal habe ich tropische Gefühle«, sagt Omar Sosa. Der Pianist serviert mit seiner Musik eine zeitgemäße Nouvelle Cuisine, auf der Basis von Rezepten aus unterschiedlichen Welten. Ob er nun solo spielt, mit einer Combo oder mit einer Big Band – mit der Musik seiner Heimat aufgewachsen, bestimmen afrokubanische Rhythmen die Musik des vielgereisten 51jährigen Pianisten. In den USA und in Ecuador hat er gelebt, seit mehr als 15 Jahren ist Barcelona sein Zuhause. Es gibt kaum ein Instrument, für das Omar Sosa in seiner Musik nicht Verwendung findet. Die arabische Oud, die indische Tabla oder die afrikanische Marimba beispielsweise. Auch elektronische Sounds integriert er in seine Kompositionen. Weltmusik oder Jazz? Er selbst formuliert es so: »Philosophisch gesehen bin ich Jazz-Musiker, denn Thelonious Monk hat einmal gesagt, Jazz sei Freiheit.“
Donnertag, 25. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Die Grandseigneurs des hohen Blechs
Die hochkarätig besetzten Allstars des Trompeters Franco Ambrosetti
Aufnahme von der Internationalen Jazzwoche Burghausen 2016
Von Roland Spiegel
Lange Zeit führte er ein Doppelleben: Der Schweizer Jazztrompeter Franco Ambrosetti leitete bis zum Jahr 2000 im Brotberuf ein Unternehmen für
Flugzeug-Fahrwerke. Trompete spielte er trotzdem täglich – aber oft auf Dienstreisen heimlich im Hotelzimmer mit dem Schalltrichter im
vollbehängten und somit gut dämpfenden Kleiderschrank, um andere Gäste nicht zu stören.Ambrosetti, geboren 1941 in Lugano, gewann 1966 in Wien in einem internationalen Wettbewerb den ersten Preis vor den Trompeten-Kalibern Randy Brecker und Claudio Roditi. Er blieb jedoch stets
ein gelassen swingender Musiker ohne Star-Allüren. Bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen 2016 war er mit seiner All-Star-Band zu erleben, in der US-amerikanische Größen wie die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, der Bassist Buster Williams und der Altsaxofonist Greg Osby spielten. Neben Franco Ambrosettis Sohn Gianluca am Sopransaxofon gab es noch einen weiteren speziellen Gast: den Trompetenkollegen Dusko Goykovich, wie der Chef selbst ein swingender Weltstar. und einer, der auch noch mit über 80 Jahren die Töne bewundernswert trifft. Im Oktober 2016 wird Goykovich 85.
Freitag, 26. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Preview: Neue Jazz-Produktionen
Mit Harald Mönkedieck
Ohne Tonträger ist die sprunghafte Entwicklung des Jazz kaum vorstellbar: Längst sind Schallplatte, CD oder Soundfile der Weg, auf dem Neuigkeiten aus dem Jazz vom Musiker zum Hörer finden. Tief in seinem Wurzelwerk ist der Jazz eine Musik des unmittelbaren Erlebens, seine stärksten Momente hat er im Konzert, wenn sich zwischen Musiker und Publikum eine Rückkopplungsschleife aufbaut, die alle Beteiligten über sich hinauswachsen lässt. Doch ohne die Möglichkeit der Tonaufzeichnung hätte der Jazz nicht seine weltweite Anziehungskraft entwickeln können. Auch 100 Jahre nach den ersten Jazz-Schallplattenaufnahmen sind noch immer Tonträger der Weg, auf dem die Wandlungen des Jazz den Weg zu seinem Publikum finden. In Preview im ARD Radiofestival 2016. Jazz stellen wir aktuelle Neu-und Wiederveröffentlichungen auf Schallplatte, CD, Soundfile vor: glanzvolle Konzertmitschnitte und aufwändige Studioproduktionen von Major- und Independentlabels, Groß- und Klein-, Eigen- und Do-It-Yourself-Produktionen. All das also, was die lebendige Gegenwart des Jazz kennzeichnet.
Sonntag, 28. August, 19.16 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
The Big Beat
Schlagzeuger als Big-Band-Leiter in der Swing Ära und im Modern Jazz
Von Gerd Filtgen
Januar 1938: Schon wenige Wochen nach Benny Goodmans geschichtsträchtigem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall verließ ein wichtiger Musiker das Orchester des King Of Swing. Offenbar war es Gene Krupa nicht entgangen, wie gut seine Schlagzeugsoli beim Publikum ankamen. Der nächste Schritt war die Gründung eines eigenen Orchesters.
Der in allen Bereichen des Showbusiness erfahrene Buddy Rich konnte in seinen Großformationen seine von Fans wie Musikern gleichermaßen bewunderte technische Meisterschaft hervorragend präsentieren. Im Modern Jazz gelang es nur wenigen Schlagzeugern, eine Big Band über einen längeren Zeitraum zu leiten. Doch mit einem Partner sah die Sache schon anders aus: In Europa begeisterten in den 1960er Jahren der Bebop-Drummer Kenny Clarke und der belgische Pianist und Arrangeur Francy Boland mit ihrer Clarke/Boland Big Band. Ein Pendant dazu war das Orchester des Drummers Mel Lewis mit dem Trompeter Thad Jones und ähnlich vielschichtigen Klängen in den USA.
Montag, 29. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Quincy Jones Orchestra
Aufnahme von 1961 aus Ludwigshafen
Mit Odilo Clausnitzer
Quincy Jones ist eine Legende der amerikanischen Musik. Keiner war häufiger für den Grammy nominiert als der Produzent von Michael Jacksons
„Thriller“ (das erfolgreichste Album aller Zeiten) und der Initiator von „We Are The World“ (der Rekordhalter unter den Wohltätigkeitssong). Über Jones’ Karriere zu reden, heißt, in Superlativen zu sprechen. Ende der 1950er Jahre leitete Quincy Jones ein brillantes Jazzorchester mit bedeutenden Solisten wie Phil Woods, Benny Bailey und Sahib Shihab. In einer improvisierten Tour führte der damals gerade erst 26 Jahre alte Bandleader sein Orchester monatelang kreuz und quer durch Europa: ein künstlerischer Triumph – und ein finanzielles Desaster. 1961 kehrte die Quincy-Jones-Band noch einmal für einige feste Engagements zurück. Diesmal gehörte u.a. der Startrompeter Freddie Hubbard zur Besetzung. Dabei machte das Orchester auch in Ludwigshafen Halt. Der damalige SWF hatte das Konzert produziert und aufgezeichnet. Jetzt ist der Mitschnitt erstmals auf CD „Live In Ludwigshafen 1951“ erschienen. Er zeigt die exzellente Big Band in bester Spiellaune.
Dienstag, 30. August, 23.30 – 24.00 Uhr
30 Jahre Stadtgarten Köln
Mit Musik von John Scofield, Django Bates, Steve Khan und den Brecker Brothers
Mit Michael Rüsenberg
Die Marke „30“ haben auch andere deutsche Jazzclubs schon geschafft. Aber keiner hält so stilsicher die Balance zwischen Konzertsaal, Kellerclub und Gastronomie - zwischen Feier des Erreichten und Zukunftswerkstatt des Jazz. Der Stadtgarten Köln ist am besten mit einem Wort des verstorbenen Gitarristen Volker Kriegel zu kennzeichnen: „eine Einzelanfertigung“. Organisiert nicht von Fans, sondern von Jazzmusikern; kein Jazzclub im engeren Sinne, sondern ein professioneller Betrieb mit Konzertsaal, Kellerclub (zeitweise auch Kino) und ausladender Gastronomie. „Jede Stadt müsste einen Stadtgarten haben“, rief John Scofield auf der Bühne, wo er einst Stammgast war. Wo man von Ornette Coleman bis Pablo Held, von Wayne Shorter bis Django Bates den gesamten aktuellen Jazz hat erleben können. Warum der Stadtgarten Köln Einzelanfertigung blieb und nicht Modell für andere wurde, wie er viele Krisen überwand - davon erzählt diese Sendung.
Mittwoch, 31. August, 23.30 – 24.00 Uhr
Herkunft: Emmental, Heimat: der Blues
Gitarrist und Sänger Philipp Fankhauser bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen
Mitschnitt vom März 2016
Mit Ulrich Habersetzer
Ein satter Groove und eine kraftvolle Stimme mit Hommagen an Johnny Copeland und Tony Joe White kennzeichnen den Blues des Emmentaler Sängers und Gitarristen Philipp Fankhauser. Die Schweiz ist nicht das Mutterland des Blues, doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Zwischen all den Seen und Bergen gibt es eine rege Szene, die sich auf höchstem Niveau an die verschiedenen Verästelungen der Kunstform ankoppelt. Einer der besonders agilen Vorkämpfer dieser Szene ist der 1964 in Thun geborene Gitarrist und Sänger Philipp Fankhauser. Früh gründete er seine ersten Bands, schrieb Artikel für Bluesmagazine und knüpfte Kontakte zu den Großen des Fachs. Schließlich fand sich Fankhauser im Schlepptau von Johnny Copeland in den Staaten wieder, spielte, sang und spürte der Atmosphäre der Südstaaten nach. Im neuen Jahrtausend war er wieder zurück, ein in der Atmosphäre der Südstaaten gegerbter Bluesmann mit einer Ausstrahlung, die mit jedem Konzert intensiver wird. Der Mitschnitt des Auftritts von Fankhausers Band mit den A-Team Horns bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen am 12. März 2016 dokumentiert einen waschechten Blueser aus dem Emmental.
Anmerkung zum Sommer-Programm
Vom 16. Juli bis zum 11. September findet wieder das ARD-Radiofestival statt. Am Abend (20.05 – 24.00 Uhr) erwartet Sie dann ein gemeinsam von den Kulturwellen der ARD gestaltetes Programm. Aus diesem Grund entfallen alle SWR2-Jazzformate, die üblicherweise in dieser Zeit zu hören sind. Stattdessen gibt es werktags von 23.30 – 24.00 Uhr eine vom WDR organisierte Jazz-Sendung mit Beiträgen von allen ARD-Jazzredaktionen.
| Mehr Infos im Netz unter www.swr2.de/jazz



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