SWR2 - Jazzprogramm Juni 2017
04.05.2017 10:33 von jazz (Kommentare: 0)

SWR 2 Jazzprogramm
Juni 2017
Donnerstag, 1. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Überjazz
25 Jahre Underkarl
Von Hans-Jürgen Schaal
Wenn eine Jazzband 25 Jahre lang existiert, darf man sie wohl eine Institution nennen. Doch zu Underkarl will dieses Wort nicht recht passen. Dieser "Ausnahmeband" (Der Spiegel) fehlt alles, was Institutionen in der Regel auszeichnet - Würde, Formalismus, Berechenbarkeit. Die Band des Kölner Kontrabassisten Sebastian Gramss bietet sogar eher das Gegenteil: Sie ist ein ständiger Unruheherd, die verkörperte Infragestellung aller Jazz-Sicherheiten, ein Schreckgespenst der Puristen und Traditionalisten. Underkarl stellen den Jazz auf den Kopf und wieder auf die Beine, sie haben Jazzklassiker auseinandergenommen und neu zusammengesetzt und sogar die Musik von Johann Sebastian Bach gleichsam "frisch durchgerührt". Das Ergebnis ist Jazz über Jazz - oder einfach "Überjazz". Underkarl - eine Institution der intelligenten Verunsicherung. "Selten seit Frank Zappa waren Anarchie und Disziplin, Ohrwurm und Schrilles, Jazz und Rock so stimmig vereint" (Rolling Stone).
Freitag, 2. Juni, 23.30 – 24.00 Uhr
NOWJazz Update
Sonic Wilderness
Von Ulrich Kriest
Diese Reihe auf dem freitäglichen NOWJazz Update Sendeplatz führt in abenteuerliche Zwischenwelten des Jazz. Ob Improv, Electronica, Klangkunst, Noise oder Rock - für die atmosphärischen Mixes mit Neuerscheinungen gibt es nur eine Regel: Die Lust am musikalischen Abenteuer muss hörbar sein.
Samstag, 3. Juni, 9.05 – 10.00 Uhr
SWR2 Musikstunde: Jazz Across The Border
Von Günther Huesmann
Der wohl auffallendste Trend im aktuellen Jazz ist seine fortschreitende Globalisierung. Entstanden um 1900 in den USA als hybride Musik, ist der Jazz durch die Idee groß geworden, dass es sich immer lohnt, wenn man sich auch mit etwas Anderem beschäftigt als nur mit sich selbst. Die in der Improvisation angelegte Idee des Dialogs erleichtert es Jazzmusikern, sich anderen Stilen und Musikkulturen zu öffnen. So ist Jazz zu einer "global language" geworden. „Jazz across the border“ hört auf unterhaltsam-informative Weise hin: Wie verändern Musikerinnen und Musiker aus Südamerika, Afrika und Asien die improvisierte Musik von heute? Welche Antworten geben sie auf die Frage nach einer Musik, in der jeder improvisierende Spieler eingeladen ist, seinen eigenen Sound zu entwickeln, mit seinen ganz eigenen musikalischen Sichtweisen, Statements und kulturellen Färbungen?
Samstag, 3. Juni, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Now Hear This!
Der Pianist Duke Pearson
Von Harry Lachner
"The Right Touch" nannte Columbus Calvin Jr. "Duke" Pearson eines seiner Alben. Und tatsächlich kultivierte der 1932 geborene Pianist die richtige, das heißt eine perfekte Anschlagskultur. Pearson beschränkte seine Karriere nicht nur auf das Spiel. Etliche Jahre arbeitete er als Produzent für das Label Blue Note Records. Präzision, Hingabe, Geschmacksicherheit: mit diesen Begriffen könnte man seine Haltung umschreiben; eine Haltung, die von einer Offenheit gegenüber verschiedenen Strömungen des Jazz in den 1960er-Jahren erzählt. Er war kein Traditionalist, aber ein Musiker, der die Tradition zu schätzen wusste und sie an der eigenen Zeit reflektierte, weiterdachte - ohne ganz mit ihr zu brechen. Pearsons Karriere war nur von kurzer Dauer. Sein erstes Album erschien 1959, sein letztes 1970. Danach unterrichtete er noch einige Zeit, musste aber wegen seiner Erkrankung an Multipler Sklerose die Musik aufgeben. Pearson starb im August 1980.
Sonntag, 4. Juni, 19.25 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Soul Jazz-Klassiker
Mit Ray Charles, Les McCann und Ray Bryant
Von Gerd Filtgen
Eine besondere Richtung im Hard Bop, die starke Bezüge zu Blues, Work Songs und schwarzer Kirchenmusik hat, nennt man Soul Jazz. Für letzteren Stil hatte der Pianist und Sänger Ray Charles ein besonderes Feeling. Welche andere Band konnte - im lässigen Wechsel zwischen Charles’ emotionalem Gesang und den vom Soul Jazz beeinflussten Stücken wie „Hornful Soul“ und „Sweet Sixteen Bars’“- ein Publikum derart begeistern?
Auf Alben wie „The Truth“ faszinierte der Pianist Les McCann mit ekstatischen Improvisationen, die das mitreißende Call-and-Response-Prinzip der Gospel- und Bluesmusik exzessiv zelebrieren. Im Kontrast dazu steht der Pianist Ray Bryant, der für entspanntere Versionen des Soul Jazz bekannt ist.
Montag, 5. Juni, 19.23 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Geschichte eines Jazzstandards (10)
I Get A Kick Out of You
Von Hans-Jürgen Schaal
"I Get A Kick Out Of You" könnte man neudeutsch übersetzen mit: "Du machst mich an". Ein Love Song, der direkt zur Sache kommt. Cole Porter schrieb ihn 1931 (Musik und Text), berühmt wurde der Song 1934 durch das Musical "Anything Goes". In den 1950er-Jahren war er längst ein Klassiker, und alle sangen ihn damals: Ella Fitzgerald, Johnny Hartman, Billie Holiday, Anita O' Day, Frank Sinatra, Dinah Washington ... Aber auch den Instrumentalisten im Jazz verpasst dieser Song immer wieder einen "Kick". Der Songkenner Alec Wilder schreibt: "Die Jazzmusiker
lieben den Song wegen seiner [musikalischen] Lockerheit, die reichlich Raum für Improvisation bietet." Diesen Raum nutzten sie intensiv, und jeder auf seine Weise - von Sidney Bechet bis Charles Mingus, von Django Reinhardt bis Randy Weston. And still - they get a kick out of it ...
Dienstag, 6. Juni, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: Homezone
Jazz in Südwest
Von Julia Neupert
Die monatliche Sendereihe "Homezone" führt regelmäßig an die vielen verschiedenen Orte, an die der Jazz im Südwesten zu Hause ist. Neben Konzertaufnahmen aus unserem Archiv und aktuellen Studioproduktionen gibt es immer auch einen thematischen Schwerpunkt; in dieser "Homezone"-Ausgabe geht es nach Worms, dort findet rund um den Kaiserdom demnächst wieder das Festival "Jazz & Joy" statt.
Donnerstag, 8. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Magazin
Von Thomas Loewner
Neues aus der Welt des Jazz wird im NOWJazz Magazin von SWR2 regelmäßig präsentiert. Wie immer erwarten Sie in dieser Sendung Informationen über bevorstehende Events, Rezensionen über Festivals, Buchbesprechungen und jede Menge brandneuer Alben.
Freitag, 9. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Zeit, Klang und Energieformen im variantenreichen Spiel
Der Perkussionist Christian Wohlfahrt
Von Nina Polaschegg
Der Schweizer Christian Wolfahrt ist Perkussionist. Der Jazz ist seine Heimat. Seit Jahren streckt er seine Fühler auch in andere musikalischen Richtungen aus. Freies Improvisieren in diversen Langzeit-Workingbands gehören ebenso dazu wie Theatermusik, die Interpretation zeitgenössischer komponierter Musik im Duo mit Gitarre und das spontane Aufeinandertreffen im freien Spiel. Oft ist sein Instrumentarium reduziert. Gerade in Kleinformationen reicht ihm immer wieder auch eine Snare Drum oder ein Becken, um aus einem einzigen Instrument einen scheinbar schier unendlichen Klangreichtum zu zaubern. Nuance um Nuance. Um dann wieder im Trio, etwa mit Michael Wintsch an den Keyboards und Christian Weber am Bass mit hoher Energie durch die Musiklande zu fegen. Nicht zu vergessen, den Sonderfall Solo. Seit 1996 verfolgt Christian Wolfahrt konsequent auch das Spiel alleine. Als Materialforschung, als Test, ganz auf sich geworfen zu sein. Um dann seine Erfahrungen wieder ins Spiel mit anderen hinein zu tragen.
Samstag, 10. Juni, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Die Bibel des Jazz
Die Geschichte des Real Book
Von Odilo Clausnitzer
Das wichtigste Buch der Jazzgeschichte steht in keiner Literaturliste. Es enthält keinen zusammenhängenden Text. Und erschien zunächst illegal: Das „Real Book“. Mitte der 1970er-Jahre entschied sich ein Kreis von Musikstudenten der Berklee School of Music, das allen Jazzern mehr oder weniger geläufige Repertoire von Jazz-Standards sowie einige zeitgenössische Kompositionen einmal in verbindlichen Transkriptionen herauszugeben. Da keine Urheberrechte eingeholt wurden, wurde es quasi „unter der Hand“ in selbstgebundenen Kopien vertrieben. In Anspielung an den Begriff „Fake Book“ für populäre Notensammlungen wurde es „Real Book“ genannt. Es verbreitete sich unaufhaltsam: Seit den 1980er-Jahren konnte praktisch kein angehender Jazzmusiker mehr ohne es auskommen. Sein Erscheinen markiert eine entscheidende Umwälzung in der Art, wie Jazz gelernt, vermittelt und praktiziert wurde.
Inzwischen erschienen zahlreiche Folgebände, Überarbeitungen, legale Versionen und sogar eine Smartphone App der Notensammlung. Die Sendung geht der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Real Book nach und fragt Musiker nach ihrem Umgang mit der „Bibel des Jazz“.
Sonntag, 11. Juni, 19.36 – 20.00 ‚Uhr (nach dem Hörspiel)
Invitation To The Ball: Dixieland-Klassiker
Von Gerd Filtgen
In den USA der 1950er-Jahre demonstrierte der Posaunist Wilbur DeParis mit seiner New New Orleans Band wie frisch und schwungvoll Traditional Jazz präsentiert werden kann. Wahrscheinlich inspirierte er damit auch seinen britischen Kollegen Chris Barber, der sich zu einem der bekanntesten Repräsentanten der Dixieland- Musik entwickelte. In Frankeich scharte der aus New Orleans stammende Klarinettist und Sopransaxofonist Sidney Bechet junge Musiker wie Claude Luter und André Réwéliotty um sich, die einen enthusiastisch gefeierten Oldtime Jazz kreierten. Auch hierzulande sorgten zahlreiche Bands, wie The Feetwarmers aus Düsseldorf und die Two Beat Stompers aus Frankfurt dafür, dass sich in ihrer Nachfolge Legionen von Dixieland Bands formierten, die diese Musik lebendig halten.
Dienstag, 13. Juni, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: My Favorite Discs
In Memoriam Misha Mengelberg
Von Harry Lachner
Am 3. März dieses Jahres starb Misha Mengelberg im Alter von 81 Jahren. Der holländische Pianist hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Herausbildung einer spezifisch europäischen Formen- und Klangsprache der freien Musik. Es war sein Spiel, seine Nähe zum pianistischen Konzept eines Thelonious Monk, das er an den Ideen der zeitgenössischen Musik reflektierte - aber mit entscheidend war auch die Gründung des Instant Composers Pool, kurz ICP. Ein offenes Projekt, ein Experimentallabor für neue Improvisations- und Kompositionsmodelle.
Und schließlich trugen er und das ICP maßgeblich zur Entwicklung einer eigenständigen europäischen Spielweise im freien Jazz bei. Angesichts der herausragenden Stellung Mengelbergs werden in dieser Sendung ausnahmsweise gleich mehrere seiner Alben als "Favorite Discs" vorgestellt.
Donnerstag, 15. Juni, 19.20 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Fließend französisch: Der Akkordeonist Vincent Peirani
Von Tinka Koch
Auf der Bühne spielt er stets barfuß und mit besonders körperlicher Hingabe. Der Akkordeonist Vincent Peirani ist aber nicht nur äußerlich eine Ausnahmeerscheinung. Er gehört auch zu jenen Musikern Frankreichs, die den aktuellen Jazz weit über die Genregrenzen hinaus prägen. Gespielt hat der in Nizza geborene Musiker mit Michel Portal, Daniel Humair oder Louis Sclavis. Immer wieder arbeitet er auch mit dem Pianisten Michael Wollny zusammen, mit dem er bis heute eine Improvisationshaltung teilt, die sich mutig über Gattungsgrenzen hinwegsetzt.
Donnerstag, 15. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: Sound Portraits From Contemporary Africa
Das SWR NEWJazz Meeting 2016 (2)
Höhepunkte der Konzerte in Mannheim, Tübingen und Karlsruhe
Am Mikrofon: Günther Huesmann
Kuratiert wurde das 49. SWR NEWJazz Meeting vom Shooting Star der südafrikanischen Jazzszene, dem Pianisten Kyle Shepherd. Der erfüllte sichim November einen Herzenswunsch und brachte in dem Projekt „Sound Portraits From Contemporary Africa“ den Gitarrenstar Lionel Loueke aus Benin mit südafrikanischen Improvisatoren zusammen. Resultat: ein aufregend zeitgenössischer Jazz, in dem afrikanische Essenzen von der Marabi-Musik bis zu den Wassalou-Sounds Malis, mit Funk und freiem Spiel aus amerikanischem Vokabular zusammen kommen. Heute senden wir Aufnahmen, die das Quintett nach einer fünftägigen Experimentierphase in den Baden-Badener Rundfunkstudios in Live-Konzerten in der Mannheimer Feuerwache, dem Tübinger Sudhaus und dem Tollhaus in Karlsruhe gegeben hat
Freitag, 16. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: freejazzblog on air (11)
Unsung Heroes. Unterschätze Helden der improvisierten Musik
Julia Neupert im Gespräch mit Martin Schray
Jeder Jazzfan kennt Ornette Coleman, Albert Ayler, Cecil Taylor, Peter Brötzmann, Evan Parker oder Alexander von Schlippenbach. Über sie gibt es mittlerweile ganze Regale an Literatur. Und dann sind da solche - ebenfalls mehr als gestandene - MusikerInnen des Free Jazz und der improvisierten Musik, die mehr Beachtung verdient hätten, weil sie seit Jahrzehnten zu den wichtigsten ProtagonistInnen der Szene zählen. Der britische Pianist Howard Riley, der brasilianische Saxofonist Ivo Perelman oder die französische Bassistin Joëlle Léandre gehören unter anderen dazu. Neues von ihnen steht dieses Mal bei Julia Neupert und ihrem Gast Martin Schray von freejazzblog.org im Fokus.
Samstag, 17. Juni, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Meisterstücke
Der Pianist Art Tatum
Von Bert Noglik
Platten mit Aufnahmen von Art Tatum (1909 - 1956) bekamen Titel wie "Solo Masterpieces", "Group Masterpieces" und "20th Century Piano Genius". Das scheint nicht zu hoch gegriffen für einen Musiker, der sowohl von seinen hochkarätigen Vorbildern wie Fats Waller als auch von klassischen Pianisten wie Vladimir Horowitz überschwänglich gelobt wurde. Art Tatum gelang es,Einflüsse aus Blues, Ragtime und Stride-Piano, aber auch aus der Musik der europäische Klassik und des Impressionismus in eine originäre Spielweise zu transformieren. Seine in der Unabhängigkeit und Souveränität beider Hände fundierte Technik war über jeden Zweifel erhaben. Im Wettbewerb mit den besten Jazzpianisten seiner Zeit, sogenannten "Cutting Contests" ging er regelmäßig als Sieger hervor. Art Tatum entwickelte seine musikalischen Fantasien aus dem Moment heraus und schuf in der beständig neuen Aus- und Umdeutung der Harmonien, insbesondere von Standards, unvergängliche Pretiosen des Jazz. Fest in der Tradition verwurzelt, wies er mit seinem hochvirtuosen und zugleich hochkomplexen Spiel Wege zum modernen Jazz.
Sonntag, 18 Juni, 19.15 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Brücken bauen zum Singersong-Writing
Die Sängerin Becca Stevens
Von Ssirus W. Pakzad
Die aus North Carolina stammende Becca Stevens ist unter ihren Musikerkollegen so beliebt, dass sie sich vor Aufträgen kaum retten kann. Viele Jazzer schwören auf ihren gefühlvollen Gesang, in dem stets folkige Untertöne mitschwingen. Die 32-jährige Wahl-New Yorkerin hat bereits mit Trompeter Ambrose Akinmusire, Gitarrist Wolfgang Muthspiel, Pianist Taylor Eigsti und der Kult-Band Snarky Puppy aufgenommen. In Travis Sullivans Bjorkestra hatte sie die ehrenvolle Aufgabe, Songs der Isländerin Björk einen neuen Anstrich zu geben. Während Becca Stevens als Side-Woman regelmäßig in einem Jazz-Umfeld zu finden ist, sind ihre eigenen Alben ( wie das neueste mit dem Titel "Regina") eher poppig eingefärbt, zeigen sie als Sängerin mit Singer-Songwriter-Appeal. Im frisch gegründeten Vokal-Trio "Tillery" ist Becca Stevens in bester Gesellschaft mit Rebecca Martin und Gretchen Parlato zu hören.
Dienstag, 20. Juni, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: The Art Of Conversation
Höhepunkte vom Jazzfest Berlin 2016 (1)
Eve Risser's White Desert Orchestra
Am Mikrofon: Julia Neupert
Ein plakatives Motto mochte Richard Williams auch in seiner zweiten Saison als künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin nicht ausrufen. Zum Nachdenken über eine grundlegende Qualität des Jazz wollte er mit seinem Festivalprogramm aber durchaus anregen. Denn für Williams ist Jazz vor allem eine "Kunst der Konversation, eine Kunst des Austauschs von Gedanken zwischen Individuen verschiedener Generationen und Nationalitäten". Ganz selbstverständlich lud er (zum ersten Mal in der Geschichte des Jazzfests) genauso viele Musikerinnen wie Musiker als BandleaderInnen nach Berlin ein. So auch für das Abschlusskonzert, das die französische Pianistin und Komponistin Eve Risser mit ihrem furiosen und klangprächtigen White Desert Orchestra bestritt.
Donnerstag, 22. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: Sound Portraits From Contemporary Africa
Das SWR NEWJazz Meeting 2016 (3)
Höhepunkte der Konzerte in Mannheim, Tübingen und Karlsruhe
Am Mikrofon: Günther Huesmann
Kuratiert wurde das 49. SWR NEWJazz Meeting vom Shooting Star der südafrikanischen Jazzszene, dem Pianisten Kyle Shepherd. Der erfüllte sich im November 2016 einen Herzenswunsch und brachte in dem Projekt "Sound Portraits From Contemporary Africa" den Gitarrenstar Lionel Loueke aus Benin mit südafrikanischen Improvisatoren zusammen. Resultat: ein aufregend zeitgenössischer Jazz in dem afrikanische Essenzen von der Marabi-Musik bis zu den Wassalou-Sounds Malis, mit Funk und freiem Spiel aus amerikanischem Vokabular zusammen kommen. Heute senden wir weitere Aufnahmen, die das Quintett nach einer fünftägigen Experimentierphase in den Baden-Badener Rundfunkstudios in Live-Konzerten in der Mannheimer Feuerwache, dem Tübinger Sudhaus und dem Tollhaus in Karlsruhe gegeben hat.
Freitag, 23. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: The Art Of Conversation
Höhepunkte vom Jazzfest Berlin 2016 (2)
Matana Roberts - For Pina
Am Mikrofon: Franziska Buhre
Zur Voreröffnung des Jazzfest Berlin lud die US-amerikanische Altsaxofonistin Matana Roberts im Martin-Gropius-Bau zu einer Hommage an die Choreographin und Gründerin des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch. Nach intensiven Recherchen zu Bausch, insbesondere zu deren Aufenthalt in New York Ende der 1950er-Jahre, entschied sich Roberts für einen Schauplatz mit Videoeinspielungen und die Gruppierung der PerformerInnen inmitten roter Nelken. Ihre drei GefährtInnen sind aktiv in der Berliner Szene von Jazz, improvisierter und elektronischer Musik. Mit ihnen kreiert Roberts intime Momente gegenseitigen Zuhörens und interpretiert das Vermächtnis von Pina Bausch als kraftvolles Bekenntnis zur Freiheit auf der Bühne.
Samstag, 24. Juni, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Such Sweet Thunder - Battles im Jazz
Mit Count Basie/Duke Ellington, Tito Puente/Buddy Murrow, Buddy Rich/Gene Krupa u. a.
Von Karsten Mützelfeldt
"Wettbewerb ist das Großartigste in der Welt", sagte der Schlagzeuger Gena Krupa und sein glühender Bewunderer und Instrumentalkollege Buddy Rich pflichtete ihm bei: "Wettbewerb ist das stimulierende Mittel schlechthin." Gelegenheiten, dies auszuleben, gab es immer wieder: Testosteron-geladene Schlagabtausche zwischen Schlagzeugern, legendäre Tenor Battles unter Saxofonisten, die Jazz at the Philharmonic-Konzerte - friedlichen Showkämpfen gleich - leben geradezu vom Konkurrenzgedanken. Und dann sind da noch Big Band Battles, vor allem im Amerika der 1930er-Jahre - , Abende, an denen zwei oder mehr Orchester in den Ballrooms um die Gunst des tanzenden Publikums spielten und es häufig um nichts Geringeres als die Weiterbeschäftigung im betreffenden Etablissement ging. Rundfunksender waren hin und wieder dabei, doch offizielle Plattenmitschnitte gibt es von diesen prestigeträchtigen Wettstreiten leider nicht. Was auf Tonträgern dokumentiert ist, präsentiert
SWR2 Jazztime.
Dienstag, 27. Juni, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: The Art Of Conversation
Höhepunkte vom Jazzfest Berlin 2016 (3)
Aki Takase im Duo mit Ingrid Laubrock und Charlotte Greve
Am Mikrofon: Tobias Richtsteig
Kommunikation bestimmt unseren Alltag. 16.000 Worte sprechen wir jeden Tag im Durchschnitt mit anderen Menschen. Ein gutes Gespräch kann aber auch eine Kunstform sein. Beim Jazzfest Berlin 2016 ging eine Konzertreihe im intimen Rahmen des Jazzclubs A-Trane dieser Kunst des Dialogs im transatlantischen Rahmen nach: Aus Brooklyn war etwa die Saxofonistin Ingrid Laubrock angereist, zu einem ersten Treffen mit der Pianistin Aki Takase, die in Berlin lebt. In Blues und Thelonious Monk fanden die Beiden schnell eine gemeinsame Basis, um sich dann über aktuelle, eigene Themen auszutauschen. Am folgenden Abend traf Aki Takase dann die junge Saxofonistin Charlotte Greve und auch dieses improvisatorische Blind-Date entwickelte sich zu einem angeregten Gespräch über Generationen und Kontinente hinweg: auch Greve ist inzwischen von Berlin nach Brooklyn gezogen.
Donnerstag, 29. Juni, 23.06 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Improvisation - eine Qualität des Lebens (5) Politik/Philosophie
Von Michael Rüsenberg
Der US-Historiker James Graham Wilson veröffentlicht 2014 ein Buch unter dem Titel "The Triumph of Improvisation". Auf dem Cover abgebildet sind nicht Miles Davis oder Charlie Parker, sonder Ronald Reagan und Michail Gorbatschow. Wilson zeigt, dass die beiden das Ende des Kalten Krieges auch improvisatorisch herbeigeführt haben.
Der bekannte Politologe Herfried Münkler hält das für plausibel. Hat auch Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage improvisiert? "In dem Spiel 'Politik mit vielen Unbekannten' hat sie, glaube ich, eine relative rationale Entscheidung getroffen - improvisatorisch zugegebenermassen"., sagt Münkler.
Zum Schluss unserer fünfteiligen Sendereihe über Improivsation wenden wir uns der früheren Königsdisziplin der Wissenschaften zu. Andreas Urs Sommer von der Universität Freiburg beantwortet die Frage: Wird auch in der Philosophie improvisiert? "Es wird viel mehr improvisiert, als man zugibt. Ich glaube nicht an so etwas wie strenge Notwendigkeit im Denken. Mir scheint die Fantasie das am meisten unterschätzte Vermögen unter den Philosophen zu sein".
Freitag, 30. Juni, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: The Art Of Conversation
Höhepunkte vom Jazzfest Berlin 2016 (4)
Wadada Leo Smith mit seinem Great Lake Quartet und im Duo mit Alexander Hawkins
Am Mikrofon: Nina Polaschegg
Der Altmeister des freien Trompetenspiels, Wadada Leo Smith schloss sich schon früh der Chicagoer Musikorganisation AACM an, der Association for the Advancement of Creative Musicians. Hier traf er langjährige Weggefährten wie zum Beispiel Anthony Braxton. Freiheit, das bedeutet für Wadada Leo Smith immer auch, verschiedenstes auszuprobieren und an unterschiedlichen Musikkonzepten zu arbeiten. Und das können so konträre Ansätze sein wie strukturelle Arbeit mit Anthony Braxton, Klangabstraktionen mit Derek Bailey oder auch Neuinterpretationen von Miles Davis elektrischer Periode. Beim Jazzfest Berlin war Wadada Leo Smith gleich in zwei Formationen zu hören. Im Duo mit dem britischen Pianisten und Organisten Alexander Hawkins und in seinem jungen Quartett, das 2014 sein Debutalbum vorgelegt hat.
Fast alle Jazz-Sendungen von SWR2 können Sie als Audio on Demand im Internet 7 Tage online nachhören. Auf www.swr2.de/jazz finden Sie auch Musiklisten und weitere Informationen zum Programm.
| Mehr Infos im Netz unter www.swr2.de/jazz




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