SWR2 - Jazzprogramm Mai 2015
15.04.2015 15:27 von jazz (Kommentare: 0)

SWR 2 Jazzprogramm
Mai 2015
Freitag, 1. Mai, 19.36 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Powerhouse Swing
Raymond Scott und seine Musik
Von Hans-Jürgen Schaal
Auf dem Höhepunkt der Swing-Mode begeisterte das „Raymond Scott Quintette“ (das tatsächlich ein Sextett mit drei Bläsern war) durch seine virtuosen, bizarren kleinen Stücke – Mixturen aus Swing, Klassik und Exotik. Scott selbst nannte den Stil „Descriptive Jazz“, denn er porträtierte damit fast karikaturartig Tiere, Menschen und skurrile Szenen. Selbst Igor Strawinsky und Jascha Heifetz outeten sich als Fans der raffinierten Miniaturen. In den 1940er Jahren entdeckte man, dass sich Scotts Einfälle auch ideal als musikalische Begleitung für Zeichentrickfilme eignen. Aus Scott bekanntestem Swingstück – „Powerhouse“ – wurde sein bekanntester Cartoon-Hit. Der Komponist war da aber längst mit anderen Dingen beschäftigt. Er entwickelte zum Beispiel ernsthafte Vorformen von Synthesizer und MIDI-Technik.
Freitag, 1. Mai, 22.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: Funkelnde Energie
Das Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Trio in der Manufaktur Schorndorf
Am Mikrofon: Julia Neupert
Anthony Braxton, der im Juni seinen siebzigsten Geburtstag feiern wird, gehört zu den großen Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Als virtuoser Saxofonist und visionärer Komponist hat er eine höchst originelle, zugleich komplexe wie sinnliche Sprache entwickelt, die bewusst mit bestimmten Jazzkonventionen bricht und dennoch auch der Tradition verbunden bleibt. Wie sehr Braxton immer noch an der Weiterentwicklung seiner Ausdrucksformen interessiert ist, zeigt unter anderem seine stete Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern der jüngeren Generation, von denen er einige maßgeblich beeinflusst hat, umgekehrt von ihnen aber auch immer wieder Impulse einfordert. In der Manufaktur Schorndorf spielte Anthony Braxton im Januar zusammen mit Mary Halvorson und Taylor Ho Bynum ein furioses Konzert, das wir nach einem kleinen Geburtstagsportrait für Anthony Braxton in voller Länge senden.
Samstag, 2. Mai, 9.05 – 10.00 Uhr
Musikstunde: Jazz Across The Border
Von Günther Huesmann
Der wohl auffallendste Trend im aktuellen Jazz ist seine fortschreitende Globalisierung. Entstanden um 1900 in den USA als hybride Musik, ist der Jazz durch die Idee groß geworden, dass es sich immer lohnt, wenn man sich auch mit etwas Anderem beschäftigt als nur mit sich selbst. Die in der Improvisation angelegte Idee des Dialogs erleichtert es Jazzmusikern, sich anderen Stilen und Musikkulturen zu öffnen. So ist Jazz zu einer „global language“ geworden. „Jazz Across The Border“ hört auf unterhaltsam-informative Weise hin: Wie verändern Musikerinnen und Musiker aus Südamerika, Afrika und Asien die improvisierte Musik von heute? Welche Antworten geben sie auf die Frage nach einer Musik in der jeder improvisierende Spieler eingeladen ist, seinen eigenen Sound zu entwickeln, mit seinen ganz eigenen musikalischen Sichtweisen, Statements und kulturellen Färbungen?
Samstag, 2. Mai, 22.15 – 23.00 Uhr
Jazztime: Klezmer Madness
Der Klarinettist David Krakauer
Von Bert Noglik
David Krakauer revitalisiert die Klezmer-Musik für das 21. Jahrhundert. Bereits 1986 zählte der in New York zunächst mit klassischer Musik aufgewachsene Klarinettist zu den Mitbegründern der „Klezmatics“, die zum Klezmer-Revival beitrugen. Im Prozess der zeitgenössischen Ausformung von Klezmerklänge fand David Krakauer zu seiner musikalischen und kulturellen Identität. Mit der 1994 formierten Band „Klezmer Madness!“ fusioniert er musikalische Überlieferungen aus dem osteuropäischen Schtetl mit aktueller, dem urbanen Lebensgefühl entspringenden Musik. David Krakauers „Abraham Inc.“ mit dem im Soul-Jazz fundierten Posaunisten Fred Wesley sowie dem kanadischen DJ Socalled schlägt einen Bogen von der Klezmermusik zu Funk und Hip-Hop. Im Spannungsfeld von Euphorie und Melancholie gelingt eine Mixtur, die in den Kopf steigt und in die Beine fährt.
Donnerstag, 7. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: From Ancient To The Future
50 Jahre Chicagoer Musikerorganisation AACM
Von Harry Lachner
Natürlich ging es zunächst darum, neue Spielorte für eine frei improvisierte Musik zu suchen, die von den – meist weißen – Veranstaltern ignoriert wurde; darum, Konzerte selbst zu organisieren, schließlich eigene Vertriebswege für die selbstproduzierten LPs zu finden. Mit einem Wort: Kultur unabhängig vom weißen Establishment zu gestalten. Doch Idee und Praxis des Projekts „Association for the Advancement of Creative Musicians“, kurz AACM, ging weit über das rein Musikalische hinaus. Gegründet wurde die Organisation 1965 vom Pianisten Muhal Richard Abrams und Mitgliedern seiner Experimental Band in Chicago, um direkten Einfluss auf die gesellschaftliche Situation der jungen Schwarzen zu nehmen: So initiierte die AACM zahlreiche soziale Projekte, organisierte etwa Musikunterricht für die Ghetto-Jugend und engagierte sich im karitativen Bereich. Denn all die inner- und außermusikalischen Aktivitäten waren von der Idee einer neuen Freiheit, eines neuen, schwarzen Selbstbewusstseins getragen.
Freitag, 8. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: Jazz50Fest Berlin!
Höhepunkte von der Jubiläumsausgabe 2014 (4) mit dem Fire! Orchestra
Am Mikrofon: Julia Neupert
Fieber. Energie. Wucht. Das Fire! Orchestra sorgte an dem sonnig herbstlichen Sonntagnachmittag beim Jazzfest Berlin für einen musikalischen Ausnahmezustand. Die Akademie der Künste schien in eine Hochdruckzone verwandelt: Das 28köpfige Improvisationsorchester mit Mats Gustafsson als Leiter machte seinem Ruf alle Ehre und lieferte eine mitreißende Performance ab. Ihre gewagte stilistische Mischung aus Rock, Free Jazz, Noise balancierte virtuos und verwegen zwischen Songstrukturen, Klangtexturen und ungestümer Kollektivimprovisation – und gehörte zweifellos zu den aufregendsten Konzertereignissen des Festivals.
(Teil 5, Freitag, 15. Mai, 23.03 Uhr)
Samstag, 9. Mai, 22.03 – 02.00 Uhr
Jazztime spezial: Hymnische Feier des Moments
Der Pianist Keith Jarrett
Von Günther Huesmann
Mit seinen ebenso hymnischen wie groovenden Melodien hat er Generationen von Pianisten in seinen Bann gezogen. Nur wenige vermögen den Flügel so „singen“ zu lassen wie Keith Jarrett. Elemente aus Klassik, Jazz, Weltmusik, Gospel, Free und Rock verflechten sich in seinen Linien zu vielfältigen und differenzierten neuen Formen. „The Köln Concert“, Keith Jarretts Soloalbum aus dem Jahre 1975, hat weit über den Kreis der Spezialisten hinaus ein Millionenpublikum begeistert. Was den Pianisten nicht daran hinderte, sich über diese Platte geringschätzig zu äußern. Sie gehöre zum Schlechtesten, was er je eingespielt habe. Man möge sämtliche Editionen dieses Albums bitte einstampfen. Diesem Wunsch hat der Plattenproduzent Manfred Eicher nicht entsprochen: Das „Köln Concert“ ist mit 3,5 Millionen verkauften Exemplaren die bis heute erfolgreichste Klavier-Soloplatte. Anlässlich Jarretts 70. Geburtstags bringen wir in der vierstündige Sendung einen Panoramablick über Jarretts faszinierendes Oeuvre: von seinen epochalen Solo-Konzerten und gefeierten Klassik-Einspielungen über seine Trioarbeit, mit der er im Genre der Piano-Trios neue Wegmarken setzte, bis hin zu seinen legendären Quartett-Aufnahmen mit Jan Garbarek und Dewey Redman.
Sonntag, 10. Mai, 19.11 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Stiller Tiger
Der englische Keyboarder Kit Downes
Von Ssirus W. Pakzad
Der erst 29jährige Kit Downes zählt zu den vielversprechendsten Jazz-Talenten des Vereinigten Königreichs. Hierzulande ist er als Keyboarder der Band Troyka bekannt geworden, die sich lustvoll zwischen Jazzrock, verzwicktem Progrock und Minimalismus einen ganz eigenen Stil erarbeitet hat. Der aus Norwich stammende Tasten-Spezialist zeigt sich musikalisch stets sehr wandelbar. Mal sitzt er an der Kirchenorgel und spielt mit dem Saxofonisten Tom Challenger Hochzeitsmusik, dann wieder pflegt er mit seinem eigenem Quintett einen Sound, in dem wichtige Strömungen des zeitgenössischen Jazz zusammen fließen, und im Duo mit der Cellistin Lucy Railton kommen klassische Einflüsse durch. Kit Downes war Mitglied der bekannten Band „Empirical“, hat mit Stan Sulzmann, Gilad Atzmon, Sebastian Rochford, Asaf Sirkis oder Joe Locke musiziert. Jüngst gründete er ein Piano Trio, mit dem er sich keine Feinde machen wird, obwohl es „The Enemy“ heißt.
Donnerstag, 14. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Magazin
Von Bert Noglik
Neues aus der Welt des Jazz wird im NOWJazz Magazin von SWR2 regelmäßig präsentiert. Wie immer erwarten Sie in dieser Sendung Informationen über bevorstehende Events, Rezensionen über Festivals, Buchbesprechungen und jede Menge brandneuer CDs. In unserer Mai-Ausgabe wird Nina Polschaschegg eine gerade erschienenen Band zur Geschichte der Stockholmer Gesellschaft für experimentelle Musik und Kunst, Fylkingen, vorstellen und Anja Buchmann berichtet von der 10. Ausgabe der jazzahead! in Bremen.
Freitag, 15. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz Session: Jazz50Fest Berlin!
Höhepunkte von der Jubiläumsausgabe 2014 (5) mit dem Trio Feral, dem Hedvig Mollestad Trio und Free Nelson Mandoomjazz
Am Mikrofon: Julia Neupert
Zum Abschluss unserer Reihe mit Live-Mitschnitten vom letztjährigen Jazzfest Berlin gibt es in dieser Sendung Eindrücke von den Nachtkonzerten auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele. Hier hatte Festivalleiter Bert Noglik junge Bands mit einem in Richtung Rock, Metal und Doom erweiterten Jazzbegriff programmiert und – mit dem Trio Feral aus New York, dem schottischen Gespann Free Nelson Mandoomjazz und dem norwegischen Hedvig Mollestad Trio für echte Hinhörer gesorgt.
Samstag, 16. Mai, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Der heimliche Trumpet King des Bebop
Fats Navarro
Von Odilo Clausnitzer
Theodore „Fats“ Navarro wurde 1923 in Florida geboren. Nach Engagements unter anderem bei dem Swing-Bandleader Andy Kirk kam er 1944 nach New York, um mit Billy Eckstine zu arbeiten. Es blieb ihm nur wenig Zeit seine Kunst zu entwickeln, denn Drogenabhängigkeit und Tuberkulose machten seinem Leben schon mit 26 Jahren ein Ende. Aufnahmen unter seinem eigenem Namen gibt es nur wenige, allerdings umso bemerkenswertere. Als Mitglied in den Bands des Pianisten Tadd Dameron erhielt er viel solistischen Freiraum. Radiomitschnitte aus seiner letzten Lebensphase zeigen ihn als Mitglied im Charlie Parker Quintett. Nach seinem Tod verblasste Navarros bescheidener Ruhm schell; sein Name blieb nur noch Kennern geläufig. Auch vielen heutigen Hörern bietet seine Musik die Gelegenheit für aufregende Neuentdeckungen. Wir stellen heute einige seiner besten Aufnahmen vor.
Sonntag, 17. Mai, 19.10 – 20.00 Uhr (nach dem Hörspiel)
Ist wirklich alles erlaubt?
Chancen und Risiken der Interpretation von Jazz-Standards
Von Michael Rüsenberg
Die Vorlagen sind häufig Musical-Songs, Tagesschlager aus den 1930er bis 1950er Jahren, Stücke von Thelonious Monk oder Charlie Parker, inzwischen aber auch Songs von den Beatles oder Steely Dan. Unter Jazzmusikern waren und sind Standards seit jeher in Mode. Sie eigenen sich beispielsweise zu Studienzwecken, immer häufiger werden sie auch völlig umgekrempelt, nach dem Motto von Django Bates („arranging the hell out of something“) gegen den Strich gebürstet. Aber, darf man mit den Vorlagen nach Belieben verfahren? Die deutsche Pianistin Julia Hülsmann sagt: „Für mich ist die Melodie heilig, alles andere ist verhandelbar.“ Eine gründliche Beschäftigung mit dem Thema kommt von Daniel Martin Feige in seiner „Philosophie des Jazz“. Der Mainzer Philosoph stellt in Frage, ob es sich bei Standards überhaupt um „Werke“ handelt wie in der Klassischen Musik und sagt: „Nichts an der harmonischen und melodischen Struktur eines Standards ist sakrosankt“, also unantastbar. Die Sendung enthält, selbstverständlich, eine Reihe ausgefallener Standard-Bearbeitungen.
Dienstag, 19. Mai, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: My Favorite Discs
Von Nina Polaschegg
Persönliche Lieblingsalben aus der älteren oder jüngeren Jazzgeschichte werden in der Reihe „My Favorite Discs“ regelmäßig vorgestellt: von den Autorinnen und Autoren unserer SWR2-Jazzredaktion. Legendäre Klassiker oder weniger bekannte Favoriten – warum gerade ein bestimmtes Album sie so beeindruckt hat, erklären sie in dieser Sendung.
Donnerstag, 21. Mai, 23.10 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Magie des Breaks
Die Trioaufnahmen des Pianisten Vijay Iyer
Von Günther Huesmann
Aus der schier unübersehbaren Fülle von Piano-Trios ragt das von Vijay Iyer wie ein Monolith heraus. Das liegt zum einen an der interaktiven Kraft, mit der es artistische Virtuosität und tiefe Nachdenklichkeit verbindet. Zum anderen hat das Vijay Iyer Trio eine besondere Fähigkeit entwickelt, an den Schnittstellen zwischen Alt und Neu genau jene Punkte zu erkunden, die der indo-amerikanische Pianist Iyer „neugierige Momente“ nennt. Ein besonderes Augenmerk legt das Vijay Iyer Trio in seiner Arbeit auf das vielschichtige Phänomen des Break. Ein Break ist im Jazz zunächst einmal eine kurze solistische Improvisation eines Einzelmusikers während das Ensemble pausiert. Im frühen Jazz war der Break jene Zeitspanne zwischen zwei Melodiephrasen, die es den Musikern erlaubte, diese beiden Bögen improvisatorisch frei miteinander zu verbinden. Der Break war das Ei, aus dem die Jazzmusiker das Solo ausbrüteten. Gleichzeitig betont das Vijay Iyer Trio die innovativen Qualitäten des Break. Denn Break heißt im Englischen nicht nur „Erholungspause“, sondern auch „Abriss“, „Bruch“ und „Einschnitt“.
Freitag, 22. Mai, 23.30 – 24.00 Uhr
NOWJazz Update
Von Harry Lachner
Das NOWJazz Update ist zumindest einmal im Monat zumeist halbstündig auf der nächtlichen Freitagsschiene platziert und dient der Präsentation neuester Tendenzen der improvisierten Musik. Es erlaubt den Moderatoren, besonders wichtige Neuerscheinungen eingehender vorzustellen, als dies im NOWJazz Magazin möglich ist. Was gespielt wird, entscheiden die SWR2-Jazzautoren erst kurz vor dem Sendetermin.
Samstag, 23. Mai, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Let My Children Hear Music
Späte Aufnahmen von Charles Mingus
Von Hans-Jürgen Schaal
Nach einer mehrjährigen „Auszeit“ von der Jazzszene feierte der Bassist und Komponist Charles Mingus 1970 sein Comeback. In den wenigen Jahren, die ihm noch blieben (er starb im Januar 1979), erfüllte er sich eine Reihe großer musikalischer Wünsche. Er stellte sich ein wunderbares neues Sextett zusammen – mit Eddie Preston, Charles McPherson, Bobby Jones, Jaki Byard – und später sogar ein experimentierfreudiges Quintett – mit Jack Walrath, George Adams, Don Pullen. Es gab spannende Allstar-Aufnahmen wie die Begegnung mit den jungen Gitarristen Philip Catherine, Larry Coryell und John Scofield. Vor allem aber setzte Mingus seinem größten Projekt die Krone auf: Das Album „Let My Children Hear Music“ von 1971 war zu Mingus’ Lebzeiten die gelungenste Umsetzung seiner großformatigen Third-Stream-Ambitionen.
Dienstag, 26. Mai, 21.03 – 22.00 Uhr
SWR2 Jazz Session: Vom East River an den Main
Das Mary Halvorson Quintet beim Jazzfestival Frankfurt 2014
Am Mikrofon: Gerd Filtgen
Mit scharfen glasklaren Motiven und ungewöhnlich klingenden Akkorden sorgte die Bostoner Gitarristin Mary Halvorson für Aufmerksamkeit in der New Yorker Avantgarde-Szene. Nach ihrem Engagement bei Anthony Braxton stürzte sich die Künstlerin in die unterschiedlichsten, zwischen Jazz und Pop-Avantgarde gelagerten Sound-Konstellationen. In diesem Umfeld bewährte sich auch ihr Trio mit dem Bassisten John Hébert und dem Drummer Ches Smith. Von Mary Halvorson wurde diese schon seit langem bestehende Formation im Jahr 2012 für ihre „Bending Brigdes“ Platte – mit dem Trompeter Jonathan Finlayson und dem Saxofonisten John Irabagon – zum Quintett aufgestockt. Durch die Aktionen der Bläser treten die originellen Kompositionen der Gitarristin, ihre kontrastreiche Begleitung und Soli noch transparenter hervor.
Donnerstag, 28. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Worte sind nicht genug
Die norwegische Sängerin Sidsel Endresen
Von Thomas Loewner
Seitdem die aus Trondheim stammende Sängerin Sidsel Endresen 1980 erstmals auf der norwegischen Jazz-Szene aufgetaucht ist, hat sie einen beachtlichen stilistischen Wandel vollzogen: Begonnen hat sie als Sängerin der Jon Eberson Group. Die Band des Gitarristen verbindet Jazzrock, mit Rhythm & Blues und Soul. 1989 startete sie ihre Solokarriere, zunächst mit zwei Alben für ECM. Endresen arbeitete nun mit Musikern wie Django Bates, Nils Petter Molvær oder Bugge Wesseltoft zusammen, mit dem sie ab Mitte der 1990er Jahre mehrere Duoalben veröffentlichte. In dieser Phase öffnete sie sich zunehmend der Improvisation und begann mit lautmalerischen Elementen zu experimentieren, all das aber immer noch im Spannungsfeld von Jazz, ethnischer Musik und der Singer-Songwriter-Tradition. Doch auch von solcherlei Konventionen hat sich Sidsel Endresen zunehmend verabschiedet, sei es mit dem frei improvisierenden Gesangstrio ESE, in der Zusammenarbeit mit dem elektro-akustischen Duo Humcrush oder zuletzt besonders eindrucksvoll gemeinsam mit dem Gitarristen Stian Westerhus.
Freitag, 29. Mai, 23.03 – 24.00 Uhr
NOWJazz: Variantenreiche Stimmbänderbewegung
Die österreichische Sängerin und Vokalperformerin Agnes Heginger im Portrait
Von Nina Polaschegg
„Musik aus Stimmbändern“ – so steht es auf ihrer Webseite. Ziemlich unterschiedliche Musik entlockt sie ihrer Kehle. Agnes Heginger ist Jazzsängerin, mit Leib und Seele. Sie interpretiert Standards und macht sich auf die Suche nach neuen Songs, überträgt den groovenden Jazz ins 21. Jahrhundert. Dann wiederum widmet sie sich mit zwei Musikerkolleginnen den Gedichten Christine Lavants oder arbeitet mit Daniel Riegler und dem JazzWerkstatt Wien New Ensemble zusammen. Auch die freie Improvisation ist eine Herzensangelegenheit von Agnes Heginger, ob in wechselnden Besetzungen oder in ihrem langjährigen Projekt Plasmic um die Pianistin Elisabeth Harnik und den beiden Ulrichsbergern Uli Winter und Fredi Pröll. Und nicht zuletzt war Agnes Heginger auch beteiligt an Projekten des Altmeisters der österreichischen Komponistenszene, Friedrich Cerha.
Samstag, 30. Mai, 22.03 – 23.00 Uhr
Jazztime: Out Of The Shadow
Ein Portrait des Trompeters Avishai Cohen
Von Gerd Filtgen
Unter dem plakativen Titel „The Trumpet Player“ veröffentlichte Avishai Cohen im Jahr 2002 sein Debütalbum. Es zeichnet sich durch eine immense Spielfreude aus, die den Bezug zur Jazztradition herstellt und sie mit frischen eigenen Ideen verbindet. Dass es sich dabei um kein Strohfeuer handelte, sondern eher um eine Vorschau auf zukünftige Arbeiten, demonstrierte Cohen auf jeder seiner nachfolgenden Platten. Der in Tel Aviv geborene Musiker lebt und arbeitet in New York. Cohen schöpft aus verschiedenen musikalischen Quellen, die in seinem charakteristischen Trompeten-Sound mitschwingen. Melancholische Klezmer-Stimmungen werden von packenden Grooves nordafrikanischer Musik kontrastiert und münden in leidenschaftlich umgesetzte Improvisationen.
Zusätzliche Jazz-Sendungen in SWR2:
Dienstag, 26. Mai – Freitag, 29. Mai, 9.05 – 10.00 Uhr
Musikstunde: Pray(ing) & Play(ing)
Glaubensfragen in der Jazzgeschichte (1-4)
Von Julia Neupert
„Das Kreuz über dem Hochaltar bebte.“ So beginnt 1966 eine deutsche Wochenzeitschrift ihren Bericht über ein Konzert der Duke Ellington Big Band in der New Yorker Presbyterian Church. Ellington schrieb insgesamt drei „Sacred Concerts“ und auch in anderen Kompositionen bekannte er sich immer wieder zu den religiösen Wurzeln seiner Familie und dem eigenen tiefen Glauben – wie viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen. Von Voodoo über Black Church und Radical Jewish Culture bis hin zur metaphysischen Esoterik: Die Beziehungen von Jazz und Religiosität sind so vielfältig wie komplex, sie gründen aber zumeist auf der Annahme, dass dieser Musik eine spirituelle Dimension innewohnt, die mit irdischem Bewusstsein allein nicht zu fassen ist. Wie Musikerinnen und Musiker versucht haben, dieser Dimension improvisierend und komponierend nahezukommen, war in der Jazzgeschichte keinen Einschränkungen unterworfen, denn: „Every man prays in his own language.“ (Duke Ellington)
| Mehr Infos im Netz unter www.swr2.de/jazz



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